Der Online-Mann

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In Blogger-Foren, unter Medien-Journalisten und Journalismus-Buch-Autoren ist derzeit ein Streit um den Online-Journalismus losgebrochen. http://medialdigital.de/2012/01/30/steinzeitansichten-uber-zukunfts-journalismus/  Anlass und Auslöser ist der Klassiker der Journalismus-Bücher, die Print-Bibel-Fibel "Handbuch des Journalismus" von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue, jüngst nachgerüstet zum "Neuen Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus". Schneider und Raue sind sich darin treu geblieben, in jeder Beziehung: Qualität kommt von Qual, ist ihr Credo - und vor Qualität auch im Online-Journalismus setzen sie die strenge Schule der Schreib- und Recherchepäpste. Ohne handwerkliche Fähigkeiten, ohne Faktengerüst und Fabulierlust, ohne Verantwortung auch für die andere Seite und auch die Gegenmeinung, schlicht ohne journalistische Tugenden der Neugier, Unabhängigkeit, Wachsamkeit und extremen Gründlichkeit gibt es keinen Qualitäts-Journalismus, auch nicht online. Dies, mit Verlaub, ist unsere DNA.

Paul-Josef Raue hat nun in der ihm eigenen Art seine Geringschätzung mancher Erscheinungen und Stilblüten im Internet auch in der Erweiterung des Handbuchs untergebracht - seine hochfahrende Verachtung gegenüber Beliebigkeit sitzt tief. Der Mann, mit dem ich selbst ein Jahrzehnt lang bei der "Braunschweiger Zeitung" zusammenarbeiten durfte, neigt nicht zu Kompromissen und Freundlichkeit in Fragen, die er für wichtig erachtet. Das geht so weit, dass er sich in seinem jetzt zur Diskussion stehenden Online-Kapitel des Handbuchs in fast schon naiver Weise angreifbar macht. In Sorge um Qualität und ein paar gute alte Prinzipien (mehrere Quellen, eindeutige Autorenschaft, Trennung von Bericht und Meinung, saubere Reportage) hat er es sich gründlich mit einigen Machern des absolut empfehlenswerten Standardwerkes der neuen Generation "Universalcode. Journalismus im digitalen Zeitalter" http://universal-code.de/  verdorben.

Und - worst case - ausgerechnet dem großen Meister Raue selbst ist mit einem falschen Zitat auch noch ein dicker Fehler unterlaufen, den er in seinem Blog http://www.journalismus-handbuch.de/ mittlerweile korrigiert.

Unabhängig davon ist der Streit jedoch sehr erhellend. Da, wo er kein plumper Generationenkonflikt ist, geht er an den Nerv des aktuellen Ringens oder Würgens, ganz wie man will, um den Journalismus der Zukunft. Der ist noch nicht erfunden, höchstens in Umrissen sichtbar. Ich selbst habe in diesen Tagen ein Journalismus-Buch herausgebracht, in dem ich mich mit dem beschäftige, was man "wissen und können muss". Meine Kollegin und Freundin Inge Seibel-Müller hat es in der aktuellen Diskussion um Raue/Schneider in einem Kommentar so gewürdigt: "Ich empfehle mittlerweile ein anderes Buch, erschienen Ende 2011, geschrieben von Henning Noske, Wissenschaftsredakteur der Braunschweiger Zeitung, Leiter der Stadtredaktion, ausgezeichnet mit mehreren Journalistenpreisen. http://web.klartext-verlag.de/bookdetail.aspx?ISBN=978-3-8375-0585-6  Ein bescheidener Journalist, der seinen Beruf liebt und seine Leser achtet. Der Titel: 'Journalismus. Was man wissen und können muss.' Über 'Online' liest man in diesem Buch auch nicht all zu viel. Warum? Noske: 'Online wird die gedruckte Zeitung ablösen, doch wann das ist, wissen wir alle nicht. Bloß, wozu ist diese Erkenntnis eigentlich wichtig? Sie ist für ein gutes Journalismus-Buch überflüssig wie ein Kropf. Es ist für das, was wir hier gemeinsam lernen wollen, weitgehend zweitrangig, ob die Früchte gedruckt werden oder am Bildschirm zu lesen sind.'

Danke, Inge, das ist tatsächlich mein Kommentar zu der laufenden Diskussion. Ich darf hier ein wenig indiskret sein - und Paul-Josef Raue ein wenig vorgreifen. Er ist derzeit im Urlaub in fernen Landen und hat vorher schriftlich ein Interview mit mir über mein Buch geführt. Darin lautet eine seiner Fragen: "Sie tummeln sich auch selber in der digitalen Welt, tummeln sich bei Facebook und haben einen eigenen Blog. Dennoch kommt der Online-Journalismus nur am Ende des Buchs in einem Interview vor. Auch im – ungewöhnlich reichen – Glossar findet der Leser nur wenige Online-Begriffe. Ist Online doch nur eine wenig spektakuläre Ableitung des Zeitungs-Journalismus?"

Meine Antwort: "Nein, aber mein Buch bewegt sich gewissermaßen in der Vorstufe. Da, wo alle anfangen. Im Urgrund von Print. Wo wir uns mit ein paar ganz grundlegenden Fragen beschäftigen müssen: Was treibt mich eigentlich an?
Welche Qualitäten muss ich haben? Wie finde ich Themen? Wie komme ich an Informationen? Wie bereite ich Themen und Informationen auf? Wie schreibe ich gut? Wie mache ich Bilder und gute Überschriften? Wie entstehen Fehler und wie kann ich sie vermeiden? Wie sichere ich meine Qualität? Danach kommt dann erst die Entscheidung Print oder Online – ob wir sie selbst treffen oder ob sie für uns getroffen wird. Das Interview, das Sie ansprechen, ist übrigens ein besonderer Werkstattbericht: Mein Kollege Andre Dolle schildert ausführlich, wie er vom Print- zum Online-Redakteur wurde. Das passt prima ins Buch."

Auf die journalistischen Grundtugenden kommt es also an, bestätigt mit meinem Kollegen Andre Dolle (33, Bild oben) ein ebenso junger wie bereits erfahrener Journalist, der beim Braunschweiger Zeitungsverlag jetzt von der Print- in die Online-Redaktion wechselte. Es geht gar nicht um Print oder Online, schreibt er uns ins Stammbuch – es geht um guten Journalismus. Dessen Tugenden kann man lernen. Doch auch die Unterschiede müssen herausgearbeitet werden. So, wie es das Werkstattgespräch zeigt:

Andre, Du bist “Print-Redakteur”, der die Fronten wechselt und jetzt Online-Journalismus macht. Was sind Deine wichtigsten Gedanken an dieser Schnittstelle, angesichts dieser Weichenstellung?

 

Es ist extrem spannend! Die Zeitung, für die ich arbeite, stellt ihren Online-Auftritt vollkommen neu auf - und ich bin dabei. Ich baue das mit auf.

Was glaubst Du: Warum hat der Chefredakteur sich bei dieser wichtigen Aufgabe gerade für Dich entschieden?

 

Ich bin vergleichsweise jung und bringe schon von vornherein eine gewisse Online-Affinität mit. Außerdem habe ich schon während meines Studiums Praktika bei Online-Medien gemacht.

 

Was dachtest Du denn vorher, was nun auf Dich zukommt? Was war Dein Motiv, von Print zu Online zu gehen?

 

Es war zwiespältig. Einerseits habe ich gedacht: extrem spannende Aufgabe! Das ist neu, das macht Spaß, da kann ich was bewegen, da kann ich Einfluss nehmen. Andererseits war mir natürlich sofort klar: Online bedeutet auch immer Schichtdienst - wir haben eine Präsenzzeit von 7 bis 23 Uhr, in drei Schichten. Das bedeutet also, dass man seine Zeit und Freizeit, sein Privatleben,  umstellen und anpassen muss. Das belastet auch, keine Frage. Das nehme ich jedoch in Kauf.

 

 

Weil ja bei dem Thema von vornherein klar ist: Wir drucken nicht nur einmal am Tag die Zeitung …

 

Eine Homepage kann man halt am Tag so oft drehen, also verändern, wie man möchte. Das kann man nicht nur, das muss man. Auf der Homepage muss sich ständig etwas tun! Wenn Leute, Nutzer, auf die Seite gehen - zum Beispiel morgens am Arbeitsplatz -, dann schauen sie zuerst: Was tut sich bei uns? Und wenn dann später oder gar am Abend immer noch dieselben Top-Storys auf der Seite stehen, dann wird sich der Leser denken: Da passiert doch gar nichts, da lohnt es sich nicht hinzugehen. Online lebt über die permanente Aktualität! Und das muss sich auch widerspiegeln.

 

 

Wenn wir nun Online als eine Art Zeitung definieren, wie oft würde diese Zeitung im Laufe des Tages neu erfunden?

 

Wir drehen natürlich nicht jedes Element auf der Homepage mehrere Male, aber ständig Teile, auch mit Hilfe unserer Lokalredaktionen. Wir haben im Moment ständig vier Top-Stories auf der Seite - und wir sehen zu, dass sich zumindest bis zum Mittag alle vier erneuert haben. Und dann geht es eben nach Bedarf ständig so weiter. Wir wissen nämlich von unseren Einschaltquoten, also den Klick-Zahlen, wann die Leute online gehen. Dafür haben wir eigene Messinstrumente. Wir wissen daher, dass wir ein gutes Angebot machen müssen, wenn die Leute morgens im Büro unsere Seite besuchen.

 

Früher haben wir gesagt: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Was sagt man bei Online-Journalismus?

 

Das A und O ist absolute Frische, News-Charakter, Aktualität. Das ist das entscheidende Qualitätsmerkmal. Kürzlich hatten wir einen Bombenalarm in einem Parkhaus. Die Print-Kollegen argumentierten: Ach, wir warten jetzt mal ab, was da Sache ist. Ich argumentierte: Wir müssen sofort damit raus, mit dem Stand, den wir jetzt haben.

 

Da wussten wir noch nicht, ob es eine Kofferbombe, eine Attrappe oder ein vollkommener Fehlalarm war. So haben wir das online erst mal gebracht - und hatten innerhalb von einer Stunde mehr als 2.000 Klicks. Nicht schlecht. Mit weiteren Erkenntnissen haben wir die Geschichte dann immer weiter angereichert und aktualisiert - die Klickzahlen blieben hoch. Am Ende hat es sich herausgestellt, dass es wirklich nur eine Attrappe war. Doch schließlich hatten wir fast 10.000 Klicks. Die Leser unserer Seite wurden fortlaufend informiert. Die gedruckte Zeitung brachte am nächsten Tag eine kleine Meldung. Bei uns war es spannend, die Leute waren mit einem Kribbeln dabei. Sie wussten: Hier tut sich was, hier kriegen wir alle Informationen. Das macht übrigens auch uns Spaß, ständig am Ball zu bleiben.

 

Aktualität ist das, was vor allem zählt?

 

 Ja, in erster Linie Aktualität und spannende Nachrichten. Hintergrundberichte, Analysen, Porträts, Reportagen - das kann ich besser im Printprodukt lesen. Da habe ich mehr Zeit. Da lehne ich mich am Frühstückstisch zurück - und lese die Zeitung. Darauf kann ich mich dann ganz einlassen.

Am Computer aber, am Laptop oder auf dem iPhone, da zählt die harte Nachricht. Die muss bereits in der Überschrift mit Reizworten transportiert werden. Das muss knallhart auf den Punkt gebracht sein! So ziehe ich die Leute dann in den Text rein. Am besten noch mit einem gut geschriebenen Teaser - Vorspann würde man im Printbereich sagen.

 

Bild und Überschrift bilden in der gedruckten Zeitung eine stärkere Symbiose – online kommt es noch stärker auf die Überschrift an. Feuilleton-Überschriften gehen gar nicht, so wie ich sie hier gerade lese (Andre Dolle deutet auf die „Süddeutsche“, die vor ihm liegt): “Süßwasserfische vom Fuße des Schwarzwalds” – eine kryptische Überschrift im Sportteil der Zeitung. Da geht es um eine Fußballschule beim FC Freiburg und um die Abwerbung von hoffnungsvollen Nachwuchsleuten. Wie gesagt, ich lese so etwas total gern - aber online geht das gar nicht. Da muss eine Nachricht stehen: Freiburg zittert um seine Talente!

 

Online-Journalismus geht also richtig ran, wenn Print beim falschen Bombenalarm nur eine kleine Meldung macht.

 

Ja, das lebt dann den ganzen Tag über davon. Dann schalten wir noch eine Fotogalerie oder ein Video, wenn die Kampfmittel-Spürhunde im Einsatz sind, der Platz abgesperrt ist und der Bahnhof geräumt wird. Wir sind für unsere User live dabei, lassen sie die Auftregung spüren und versuchen, die Atmosphäre rüberzubringen. Natürlich geschieht das alles immer nach unseren journalistischen Grundsätzen und Qualitätsprinzipien.

 

 

Web 2.0 und Online sind also viel direkter, als es die gedruckte Zeitung sein kann. Kann die Aktualität sogar minütlich getaktet werden?

 

Ja, bei besonderen Anlässen geht auch das. Als wir in unserer Stadt und anschließend in der Nachbarstadt eine große Neonazi-Demonstration parallel zu einem internationalen Kulturfest hatten, da hat unsere Online-Redaktion gemeinsam mit den Reportern und Kollegen aus zwei Print-Lokalredaktionen einen Live-Ticker angeboten. Von allen Brennpunkten wurden wir ständig per Handy über die aktuelle Lage informiert. Alle fünf bis zehn Minuten haben wir das reingestellt. Das brachte uns am Ende des Tages mehr als 50 000 Klicks ein. So muss Online sein. Und am nächsten Tag haben die Print-Kollegen ein “Best of” des Live-Tickers im Blatt gebracht.

 

 

Also eigentlich ist Online so, wie wir uns Print idealerweise immer vorgestellt haben?

 

Ja, als Bürgerzeitung suchen wir natürlich den direkten Draht zu den Leuten, und das verstehe ich auch unter Web 2.0. Da ist Online-Journalismus eben direkter und schneller in der Ansprache. Und es gibt eben auch das unmittelbare Feedback des Lesers. Das ist Journalismus auf Augenhöhe mit dem Leser, nicht von oben herab. Der Umgangston ist rauer! Wir nutzen Facebook, wir haben demnächst Kommentarfunktionen. Das ist natürlich kein Einbahnstraßen-Journalismus; das ist auch für uns sehr ergiebig. Der Leser ist nicht nur Konsument, er will mitmischen. Es ist eine Win-Win-Situation: Die Leute werden informiert und können selbst Input geben. Für uns bringt das auch echte neue Recherche-Ansätze für eigene Geschichten.

 

 Schildere doch bitte einmal in groben Zügen Deinen Tagesablauf und den Ablauf einer normalen Online-Schicht.

 

Um 7 Uhr beginnt der Frühdienst. Der erste Anruf ist dann beim Lagezentrum der Polizei. Die haben den Überblick über unser gesamtes Verbreitungsgebiet und wissen, was in der Nacht geschehen ist, Unfälle oder ein schwerer Brand zum Beispiel. Dann sind wir erst mal informiert, können alles in die Wege leiten, eventuell Fotografen oder Reporter rausschicken. Als nächstes schauen wir die Ticker-Meldungen und die Nachrichten unserer Lokalredaktionen durch, die am Abend eigens für Online produziert wurden. Wir schreiben und recherchieren auch selbst in der Online-Redaktion, versuchen da immer, eine zeitlose Geschichte auf Lager zu haben, falls einmal nichts passieren sollte.

 

Der Mitteldienst kommt um 10 Uhr. Er ist freigehalten für Recherche und eigene Beiträge – natürlich nur, falls das Aktuelle es zulässt. Wir haben permanent alle Nachrichtenquellen im Blick. Wir bedienen Twitter und Facebook. Social Media nutzen wir auch, um den Traffic für unsere Seite zu erhöhen, also mehr Abrufe unserer Internetseiten zu generieren. Wir stellen Artikel ein und moderieren sie kurz an - und generieren damit den Dialog mit den Lesern. Wir suchen ständig Themen, die kesseln und brisant sind. Immer gut gehen Themen wie notorische Unfallschwerpunkte oder aktuelle Entwicklungen bei den hiesigen Fußball-Bundesligaklubs.

 

Schließlich geht es über in den Spätdienst. Der Spätdienst fängt um 14 Uhr an - und geht mindestens bis 23 Uhr. Zunächst wird man von den Kollegen ins Bild gesetzt, was bislang alles läuft, wo Aktualisierungen anliegen, welche Ansprechpartner wir für die Top-Storys haben, was noch aus den Print-Redaktionen zu erwarten ist. Dann liest man sich natürlich selbst bei den Agenturen ein, schaut bei Facebook nach. Wir sitzen mit den Print-Kollegen zusammen am Newsdesk, stimmen uns mit ihnen ab, wenn dort etwas Aktuelles reinkommt. Besonderen Ehrgeiz haben wir, Veranstaltungen vom Abend sofort auf die Seite zu bekommen. Und dann wird eben bis 23 Uhr ständig die Seite aktualisiert, da gibt es kein Nachlassen.

 

Und die eigenen Recherchen?

 

Wir schreiben auf die Schnelle Polizeimeldungen um, reichern diese an. Außerdem schreiben wir eigene Stücke, die wir dann bei Bedarf einstreuen können. So habe ich jetzt zum Beispiel eine Geschichte über die Klick-Zahlen auf den offiziellen Internetseiten der Bundesliga-Klubs recherchiert und geschrieben. Unsere beiden Profiklubs Wolfsburg und Braunschweig sehen da in der Beliebtheit ganz gut aus. Den Text hatte ich am Abend zuvor formuliert.

 

Was sind die Kriterien für eine Top-Story?

 

Ich will mal es mal so sagen: “Sex and Crime” läuft immer. Das gilt online wie für den Boulevardjournalismus. Auch die sogenannten “Blaulicht-Geschichten” laufen immer gut: Polizei, Feuerwehr, Unfälle, Einsätze. Ein Beispiel: Wenn es hier auf der Autobahn 2 einen Unfall-Toten gibt und wir ihn in der Überschrift haben, dann schnellen sofort die Klicks in die Höhe. Jede Geschichte, die einen harten Nachrichtenwert hat, läuft gut.

 

Es gibt einen Spruch, der heißt “Quick and dirty” …

 

Den finden wir eigentlich nicht so toll. Das drückt immer noch ein Vorurteil aus, das viele Print-Journalisten gegenüber Online-Journalismus hegen. Der Vorwurf lautet dann, dass die Qualität leidet. Aber in den Online-Redaktionen haben wir viele ausgebildete Print-Redakteure, wie ich es bin - und diese Arbeitsweise und diesen Qualitätsanspruch, wie wir es gelernt haben und leben, versuche ich zu übernehmen!

 

Ich finde den Spruch viel besser, den der auch für Online zuständige Sport-Chef der FAZ geprägt hat: “Online - das ist permanent eine halbe Stunde vor Andruck!” Das ist eine treffende Aussage. Trotzdem muss die Sorgfaltspflicht eingehalten werden. Wir stehen unter unserem Zeitungstitel! Da erwartet der Leser Qualität - und dieser Erwartung wollen wir weiterhin entsprechen. Das gilt auch unter dem gegebenen Zeitdruck und mit der gegebenen Aktualität. Das müssen wir erfüllen, diesen Spagat müssen wir schaffen. Ganz klar: Der Pressekodex gilt auch für Online-Redakteure.

 

Dann gibt es einen weiteren Spruch, der heißt “Online first” …

 

Der ist schon besser. Er drückt unsere absolute Aktualität aus, die immer vorgeht. Anders können wir nicht arbeiten.

 

Ist das nicht nur ein frommer Wunsch?

 

Nein, bei unserer Zeitung sind wir schon so weit. Wir bringen die Sachen in dem Moment, in dem sie da sind. So muss es auch sein. Denn ein Online-Medium, das nicht aktuell ist, das ist überflüssig.

 

 

Es gibt aber doch auch eine Mentalität der Print-Journalisten, die etwas für sich hat. Sie lautet ungefähr so: Lass uns noch einmal nachdenken, es könnte auch ganz anders sein. Welche Konsequenzen hat es für unseren Beruf, dass wir das jetzt ablegen müssen?

 

Natürlich muss man drüber nachdenken, wie man einen Artikel angeht. Das ist doch bei jeder Geschichte so. Online muss zum Beispiel auch immer einen Mehrwert haben. Also, wenn es sich anbietet, zum Beispiel multimedial sein. Eine Klickstrecke, eine Fotogalerie, vielleicht ein Video - und das alles möglichst schnell. Man muss, und das ist die Antwort, Dinge noch schneller einschätzen können als im Printjournalismus. Man muss noch schneller entscheiden, ob es ein Thema ist - und ob man und wie man es „spielt“.

 

Und wenn man sich irrt?

 

Das einzige, was falsch laufen kann, ist, dass der Artikel nicht gut angenommen wird. Das sehen wir an den Klickzahlen. Und wenn er nicht läuft, dann nehmen wir ihn halt wieder raus. Mehr kann uns nicht passieren.

 

 

Aber wenn man auf eine falsche Fährte gesetzt wurde, sich geirrt hat oder ein Fehler passiert ist?

 

Das kann in der gedruckten Zeitung doch genauso passieren! Die Sorgfaltspflicht ist genauso gegeben. Wenn wir einen Fehler gemacht haben, dann korrigieren wir ihn. Das geht übrigens auch viel schneller als im Print. Wir haben einen viel direkteren, unmittelbaren Kontakt mit den Leuten und können sofort reagieren. Fünf Minuten später ist alles wieder richtig.

 

 

Das haben wir Print-Redakteure uns doch eigentlich immer gewünscht, wenn unser Fehler am nächsten Tag irreversibel in der Zeitung stand.

 

Ja, das direkte Feedback, das hat man sofort. Keiner macht deswegen leichter, schneller oder öfter Fehler. Aber so, wie wir viel aktueller sind, haben wir eben auch die Möglichkeit, Fehler oder Missverständnisse sofort zu beheben.

 

Was hältst Du davon, dass investigative Journalisten wie Hans Leyendecker von der “Süddeutschen” frühmorgens eine Online-Version ihrer Geschichte ins Netz stellen, um sie tagsüber abzuklopfen, die Reaktionen abzuwarten, weiterzurecherchieren  - und die Geschichte dann “rund” am darauffolgenden Tag im gedruckten Blatt zu bringen?

 

Das halte ich einerseits für vollkommen legitim; andererseits ist der Online-Journalismus natürlich nicht nur eine Spielwiese. Aber eigentlich haben wir hier eine echte Win-Win-Situation. Die Aktualität ist da, denn der Kollege hat seinen Online-Kollegen die Geschichte als erstes angeboten. Online first! Die Schnittstellen zu Print sind überdies sehr gering. Der Chef von “sueddeutsche.de” sagt zum Beispiel: “Nur sieben Prozent der Print-Leser lesen uns auch online.”  Das heißt, dass man mit solchen Strategien, zu denen ein Hans Leyendecker greift, der gedruckten Zeitung nicht wehtut. Online gewinnt! Und durch die “Testphase” gewinnt am Ende vielleicht auch Print.

 

Kann man denn online auch eine lange Reportage schreiben?

 

Das geht nur bei wenigen überregionalen Portalen, zum Beispiel bei „Spiegel online“ oder „süddeutsche.de“. Da gibt es auch ein anderes Zielpublikum. Bei uns wollen die Leser harte Nachrichten aus der Region! Das sind keine langen Stücke, keine Hintergrundberichte, Analysen oder Porträts. Reportagen laufen meistens schlecht. Das lesen die Leute immer noch lieber in der gedruckten Zeitung.

 

 

Und Interviews?

 

Interviews gehen bei uns schon eher. Vor allem dann, wenn eine fesselnde Überschrift gelingt.

 

 

Wie steht es mit Glossen und Kommentaren?

 

Wenn das Thema, um das es geht, wirklich drängt, dann laufen sie gut.

 

 

Das entscheidende Stichwort für Euren Mehrwert, von dem Du sprichst, heißt Crossmedia. Was ist darunter zu verstehen?

 

Es ist die Kombination von Texten, Bildern, Videos, Podcasts, etc. Ständig müssen wir justieren und entscheiden, was wir je nach Geschichte wie einsetzen können. Wir arbeiten mit eigenen Texten und mit denen der Print-Kollegen, oft müssen wir sie auch umschreiben, wir setzen Fotografen für Fotogalerien und professionelle Videofilmer für Video-Beiträge ein, wir schalten Live-Ticker und sind bei Facebook unterwegs. Es ist tatsächlich immer der Mehrwert, den wir für unsere Nutzer im Blick haben. Bei uns bekommt der Nutzer mehr als woanders.

 

 

Was werde ich denn eigentlich, wenn ich heute Journalist werde?

 

Also, wenn ich Online-Journalist werde, dann muss ich natürlich technik-affin sein. Ich kann jedoch auch nicht die berühmte eierlegende Wollmilchsau sein – alles auf einmal geht nicht. Darunter leidet die Qualität. Es gibt nach wie vor eine klare Trennung zwischen Print-Journalismus, Online-Journalismus, Multimedia- und Video-Produzenten. Der Online-Redakteur muss vor allem auch ein guter Schreiber und ein guter Rechercheur sein! Das geht gar nicht anders. Er muss Themen einschätzen können - und welchen Technikeinsatz man dazu braucht. Es ist eine Denkweise nicht nur für den Text, sondern auch für das Visuelle.

 

 

In diesem Buch kann man viel darüber lernen, wie man an Texte herangeht, wie man sich Themen sucht, wie man sie präsentiert und Fehler vermeidet. Was empfiehlst Du Leuten, die heute Journalist werden möchten?

 

Print-Journalismus ist immer noch die Grundlage, die beste Schule. Der Online-Journalismus ist so schnelllebig, dass man sich dort erst mal zurechtfinden muss. Hierfür braucht man eine gesicherte Basis beim Schreiben, Recherchieren, bei der Themenauswahl und Themenbewertung. Alles, was einen guten Journalisten auszeichnet, zeichnet auch einen Online-Journalisten aus. Allerdings muss auch klar sein, dass wir dort anders arbeiten und schreiben – schneller, direkter, zupackender.

 

 

Über die Print-Tugenden werde ich ein guter Online-Journalist?

 

So kann man das sagen. Daran führt kein Weg vorbei. Für mich gibt es nicht die Frage, was besser ist: Print- oder Online-Journalismus. Für mich gibt es nur die Frage nach gutem oder schlechtem Journalismus. Es ist egal, auf welchem Kanal er gespielt wird. Die Alternative heißt für mich auch nicht: Print oder Online. In Zukunft geht nur beides gemeinsam, Hand in Hand - und in hoher Qualität.

 

Das Bild oben zeigt Andre Dolle.                       Foto: Florian Kleinschmidt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freunde des Hauses

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Journalisten und die Mächtigen - eine eigene Geschichte

Seit nunmehr vier Wochen - von einer kurzen Weihnachtspause unterbrochen - sind wir erneut Zeuge einer beispielhaften Auseinandersetzung zwischen Macht und Medien, diesmal zwischen "Bild" und Wulff. Während solche Auseinandersetzungen in der Türkei, in Russland oder Kolumbien oft brutal mit Drohungen, Einschüchterungen und physischen Übergriffen auf Journalisten bis hin zu Anschlägen und Mord ausgetragen werden, geht es hierzulande vergleichsweise harmlos zu. Eine unbeherrschte Mailbox-Nachricht des Staatsoberhauptes bereitet nicht etwa dem Empfänger Ungemach, sondern eröffnet ihm die Möglichkeit zum journalistischen Scoop. Die Fronten verkehren sich: Der vermeintlich Mächtige wird zum Gejagten, den man genüsslich vor sich hertreibt. Das Mitleid hält sich allerdings in Grenzen, denn hier gilt der berühmte Spruch in abgewandelter Form: Pack verträgt sich, Pack schlägt sich.

Soll heißen: Die elende Bundespräsidentenkrise, die wir gerade erleben, ist vor allem der Zusammenbruch einer grandiosen Kumpanei. Es ist das Prinzip Freunde des Hauses, das in diesem Fall einmal spektakulär und für jedermann sichtbar zerborsten ist: Journalisten werden mit hoher Aufmerksamkeit, mit Informationen, Geschichten und Exklusivität bei Laune und in Reichweite gehalten. Als Gegenleistung berichten sie wie gewünscht - oft sich selbst und dem Leser gegenüber uneingestanden. Denn es ist professionell, mit Exklusivgeschichten die Nase vorn zu haben oder überhaupt am Ball zu sein. Bei Extratouren indes droht Liebesentzug - oder gar "Krieg".

Dabei geht es nicht nur um die Bande zwischen Boulevard und Bundespräsidialamt, sondern um die alltäglichen Spielräume jeder Redaktion, vor allem von Lokalredaktionen, die nicht über jene hartbandagierten Heere von Rechercheuren verfügen, die den Mächtigen auch noch im Grundbuchamt auf die Füße steigen. Die Wahrheit ist banal: Das Prinzip Freunde des Hauses ist bei weitem angenehmer und meistens auch noch effektiv.  Aber das kann nicht die Botschaft in diesen Tagen der unendlichen Präsidentenkrise sein, da zufällig gleichzeitig gleich zwei Journalismus-Werke erschienen sind, die an Grundtugenden erinnern und auf ihnen aufbauen:

http://www.rowohlt.de/buch/Wolf_Schneider_Das_neue_Handbuch_des_Journalismus.20606.html

 http://klartextverlag.posterous.com/hurra-der-noske-ist-da

 Da kann man nachlesen, was Sache ist:

Journalisten tun nichts anderes als ihren Job, wenn sie auch noch dem sympathischsten Politiker persönliche Vorteilsnahme oder Macht-Allüren nicht durchgehen lassen. Diese Bringschuld ist nichts anderes als Aktikel 5 Grundgesetz - Pressefreiheit. Das öffentliche Informationsinteresse begründet erst die außergewöhnliche Privilegierung der Journalisten bei der Recherche. Ein Arrangement auf Kosten der Leser ist dabei nicht vorgesehen. Zu dieser Balance, von der die Demokratie lebt, gehören immer zwei: Mächtige, die sie nicht antasten - und Journalisten, die sie nutzen. Dabei ist es unerheblich, ob sie in gut ausgestatteten Hauptstadt- oder in Lokalredaktionen sitzen. Allerdings ist für letztere die Arbeit wesentlich schwieriger, weil der einzelne Lokaljournalist mitunter ganz allein dasteht und als "Generalist" mit allen Widrigkeiten des Alltags auf einmal zu kämpfen hat.

Was die Bewertung der Wulff-Sache anbelangt, so lagen die Dinge selten klarer: Der heutige Bundespräsident hat als niedersächsischer Ministerpräsident dem Parlament nicht die Wahrheit gesagt. Verglichen mit den Umständen seines Hauskredits erscheinen die Verfehlungen seines gescheiterten Vor-Vorgängers Gerhard Glogowski gewiss nicht verzeihlich, aber man darf sich doch einmal daran erinnern. "Glogo" hatte sich seine Hochzeit mit Bier und Kaffee und einen Ausflug zu den Pyramiden vom Reiseveranstalter sponsern lassen. Im anschließenden "Stahlgewitter" gab es dann keine Alternative mehr: Rücktritt.

So ist es auch bei Christian Wulff.

Wenn wir in elf Monaten beim Orakel 2013 der Braunschweiger Zeitung auf das Jahr 2012 zurückblicken, gibt es zwei Möglichkeiten:

Die Erste: Der neue Bundespräsident, vielleicht doch noch Joachim Gauck, wird nur noch am Rande erwähnt, weil er eine oder zwei bedeutende Reden gehalten hat, die es allerdings nicht in die Reihe der spektakulären Ereignisse des Jahres schaffen.

Die Zweite: Bundespräsident Christian Wulf verteidigt sich immer noch gegen neue Vorwürfe. "Upgrade" wird zum Unwort des Jahres erklärt.

Ich bin Papst

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Der Tag im Eichsfeld, meine Odyssee

Der Rummel ist vorbei, Castel Gandolfo hat den Papst wieder. Ende eines Deutschland-Besuches. 17 Reden in vier Tagen, 17 mal Enttäuschung, 17 mal Ratzefummels Credo: Ich erklär Euch jetzt mal endgültig, warum alles so bleibt, wie es längst nicht mehr ist.

Es ist einfach nur schade, dass der deutsche Papst die historische Chance verstreichen ließ. Sie haben ihm alle auf dem Silbertablett alle nur erdenklichen Vorlagen geliefert, sie haben ihn geschoben und gezogen, gedrückt und hochgehoben, an ihm gezerrt, ihn geschubst, umarmt, gestützt, ihm souffliert. Jetzt hätte er ihn nur noch machen müssen, den kleinen Schritt. Und er hätte ihn nur noch sagen müssen, den einen Satz, auf den alle gewartet haben: Kommt, wir vertragen uns wieder. Und dann: 2017 zum Luther-Jahr - 500 Jahre nach der Reformation - essen wir wieder gemeinsam an einem Tisch.

Er kann es nicht. Er kann nicht Papst, wie wir ihn heute brauchen. Sein Credo ist es, nicht mit der Zeit zu gehen. Also, mit der Zeit unterzugehen.

Ich hatte gehofft, der Papst würde alle überraschen. Mit einer spannenden, unerwarteten Geste. Er hätte das tun müssen, um ein großer Papst zu werden. Er ist es nicht.

Als ich selbst zum Papst ins Eichsfeld pilgerte, war es vermutlich schon zu spät. Da kam er mit dem Hubschrauber von Erfurt herübergeflogen, hatte den Evangelischen Spitzen in Luthers Augustinerkloster sein "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" überbracht: Der Glaube ist nicht verhandelbar, es gibt keine ökumenischen Gastgeschenke. Was für ein tragischer Irrtum! Denn sie haben den gleichen Glauben, Katholiken und Evangelische, sie glauben an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Sie beten das gleiche bewegende und einen Menschen sein ganzes Leben lang begleitende und beschützende Gebet - das Vaterunser.

Der Glaube ist nicht verhandelbar? Was ist das für eine unfassbar fundamentalistische Position. Sie sind alle höflich gewesen mit diesem Papst, keiner hat es ihm ins Gesicht gesagt. Aber jetzt, das sage ich voraus, werden viele in der katholischen Kirche ihr eigenes Ding machen. Und die Evangelischen werden ihnen schöne Angebote machen, und das ist gut so.

Als ich im Eichsfeld ankam, herrschte Ausnahmezustand. Kontrollen, Auto stehenlassen, zu Fuß weiter durch Felder und Wiesen. 90 000 auf einer Pilgerwiese in Etzelsbach, Thüringen. Wenn du angekommen bist und der Papst in leisen, warmen Worten von der Liebe spricht, vom hörenden Herzen, ja, das kann er. Wie er die Eichsfelder ehrt, diese bodenständigen Querköpfe, an denen Ulbricht und Honecker verzweifelten, wie er das kleine Etzelsbacher Marienbild zum Weltbild macht, ja, das kann er.

Unnachahmlich, eine schöne Reportage. Wie ich zurückrenne zum Auto, es ist schon dunkel, da ist mein Herz voll und ich will schreiben. Eine ganze Seite vor der Brust, die ist zu stemmen, aber ich habe die Geschichte schon im Kopf. Aber geschrieben werden muss sie ja noch. Sechs oder acht Kilometer zurück, ganz klar ist das nicht. Die Uhr geht auf halb neun. Schöne sportliche Einheit. Bloß, wie hieß das Dorf noch gleich?

Nun, hier sehen die meisten Dörfer gleich aus, sind am Papst-Tag gleich und reich geschmückt, Haus für Haus, im Dunkeln erst Recht. Sie grüßen auf Spruchbändern den Papst und diesen seltsamen Pilger, der da schwitzend vorüberrennt, immer panischer, na ja, weil er eben sein Auto nicht wiederfindet. Wie er so rennt, schwindet auch die Hoffnung, noch irgendetwas abzusetzen in das vom Eichsfeld Lichtjahre, also rund 120 Kilometer entfernte Braunschweig.

Kein Netz auf einer Papst-Parkbank (siehe unten), definitiv null.  Kein Auto, kein Netz, halleluja. Ich klingele die Leute in einer niedergelegten Kegelbahn raus, entlocke ihnen das Kennwort. WLAN - das schönste Hochamt nach'm Papst!  250 Zeilen harfen am wackligen Holztisch in einer leeren Schankstube: Grüß Gott, Benedikt - und ab die Mail. Dann fährt mich der Wirt durch ein Dorf namens Berlingerode. Hier muss mein Auto sein. Hier bin ich doch losgegangen. Ist es aber nicht.

Gegen Mitternacht ist mir klar: Die himmlischen Mächte haben sich gegen mich verschworen und den Dienstwagen verschluckt. Wahrscheinlich brodelt der Polo samt Navi schon im Fegefeuer, weil ich Glauben für verhandelbar halte. Weil ich mir ein ökumenisches Gastgeschenk gewünscht habe. Das habe ich nun davon. Ich muss in der Hölle schmoren. Der Wirt und ich - wir schauen uns an. Dieser Mann ist ein Engel. Er schlägt sich mit der flachen Hand an den Kopf. Mann, hier durften Sie doch mit dem Auto gar nicht rein, ist doch schon Sperrzone. Papst-Sperrzone. Da sind Sie ja von Teistungen los.

Was, von Teistungen? Das liegt nochmal zwei Kilometer weg, insgesamt wohl zehn Kilometer von der Papstpilgerwiese. Ich muss vorhin wie im Trance gelaufen sein, getrieben vom Reporter-Ehrgeiz. Ankommen ist alles. Beim Papst. Der Wirt fährt mich nach Teistungen, das im Übrigen eine gewisse Berühmtheit als Standort des Trainingslagers von Eintracht Braunschweig und eines sehenswerten Grenzlandmuseums erlangt hat. Mein Auto war auch da.

Auf der Rückfahrt gab ich richtig Gas und das Blitzlichtgewitter der Starenkästen illuminierte meinen Weg. Danke, Heiliger Vater!

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Meine Tage im Kloster - meine neuen Aufgaben

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Eine Kammer, ein Stuhl, ein Bett, eine Schreibtischlampe und - immerhin - eine Steckdose. An der Wand ein Kreuz, und mindestens sieben Mal am Tag das Geläut aus den Türmen draußen. Gleich zwei Kirchen vor dem Kammerfenster - eine katholisch-klösterliche, eine evangelische als großes Torhaus am Eingang. Ich bin im früheren Zisterzienserkloster Marienrode bei Hildesheim, in dem heute Benediktinerschwestern das Sagen haben.

Priorin Schwester Maria Elisabeth ist eine Chefin vor dem Herrn, eine strenge, wachsame Frau, die mütterlich über mein Wohl und meinen Arbeitsfortschritt wacht. Sie leitet das Exerzitienhaus, in dem ich für ein paar sommerliche Tage eine Kemenate bezogen habe, um zu schreiben und mich auf neue Aufgaben vorzubereiten. Normalerweise ist die Ablenkung eher karg: Bis auf das Glockengeläut dringt nichts ins Exerzitienhaus, nicht mal ein Netz. Kein Empfang, kein Fernseher, nicht mal ein Radio. Manchmal horcht man eben nicht nach draußen, sondern nach innen.

Aber so geht es nicht nur mir, und deshalb gelingt die Übung der Einkehr und der Produktivität nicht vollends. Hier sind die Kammern bevölkert mit Leuten wie mir, die Antennen aufgestellt, Menschen am Scheideweg, Menschen mit Plänen unterwegs zu sich. Am Tisch im  Speiseraum sitzen wir als Einzelgäste, aber das sind wir nicht lange. Die Lehrerin, die in Indien zur Schwester wurde, die hunderten Kindern das Leben rettete. Der Pfarrer aus Paris, der mittags aus der Mikrowelle lebt. Die Doktorandin, die über die Evolution der Kommunikation mit Mimik und Gestik schreibt. Der Burn-out-Mann, der hier freiwillig Treppen repariert, Fenster putzt und Kirschen pflückt und langsam wieder zu sich kommt. Der Journalist, der zum Arbeiten gekommen ist und immer gern zum Zuhören sitzen bleibt.

Um 5.30 Uhr beginnt der Tag mit den Laudes, dem Gotteslob, bei der Mittagshore warte ich mit geschlossenen Augen, bis es zwölf Mal schlägt, so geht es weiter - na ja, und machen wir uns nichts vor, rein arbeitstechnisch war die Kloster-Aktion eher ein Schlag ins Wasser. Schwester Maria Elisabeth kennt ihre Leute, da macht ihr keiner was vor. Wenn ich in der Kirche sitze, blinzelt sie mir zu - schön, wenn man hier nicht wie ein gestresster Manager kommt und wie einer geht. Ich gehe gestärkt, und arbeiten kann ich zuhause noch genug.

Da kommt was auf mich zu, am 1. Oktober übenehme ich die Leitung der Stadtredaktion Braunschweig der Braunschweiger Zeitung. Letzten Freitag hat mich Chefredakteur Armin Maus den "neuen" Kollegen vorgestellt. Ich habe mal überschlagen und bin auf mehr als 100 gemeinsame Dienstjahre mit meiner neuen Mannschaft gekommen. Schön, wenn man sich so gut kennt, denn jetzt wollen wir alle zusammen etwas Neues beginnen. Wenn ich mir im Verlauf der letzten Jahre eine ideale Besetzung meiner Redaktion hätte zusammenstellen können, dann würde sie genau so aussehen.

Wenn man mit den Kollegen die beste Zeitung machen will, helfen keine Gebete. Aber so etwas ähnliches: Es ist der Geist der Zusammengehörigkeit, der gemeinsamen Aufgabe, der Spaß an der Pionierarbeit und das Bewusstsein, nicht nur für sich allein da zu sein. Die Zeitung, das ist die schönste Baustelle und Denkfabrik der Welt. Es raubt einem den Atem, wie modern Zeitungmachen trotz aller Unkenrufe ist: Wir kommen zusammen, lernen zusammen und klären die Dinge. Dieses Produkt ist so gefragt, dass wir überhaupt nur dann versagen können, wenn wir nachlässig, gelangweilt und oberflächlich werden. Wer in diesem Job Spaß hat und neugierig bleibt, gewinnt fürs Leben. Da helf ich gern ein bisschen mit.

Ich habe mich bei Chefredakteur Armin Maus persönlich für das Vertrauen bedankt. Mit ihm wird die Zeitung unabhängiger, vielfältig und sehr nahbar. Was die Einbindung der Leser betrifft, haben wir noch ein paar schöne Ideen.

Mein Bild zeigt die Eingangspforte des Klosters Marienrode, ursprünglich ein Zisterzienserkloster, heute von Benediktinerinnen geführt. Auf dem Klostergelände sind eine katholische und eine evangelische Kirche untergebracht.

Mein Ring (2) - Zwischen Siegfried und Götterdämmerung

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Die Eroberung der Welt.

Siegfried hat eigentlich nur ein Problem. Er kennt keine Angst. Es ist die Hybris des ewigen Siegers. Er verliert einfach nicht, weil er die Niederlage nicht kennt. Mit solchen Menschen nimmt es meist ein böses Ende. Von einigen soll hier die Rede sein. Zwischen Siegfried (vor drei Tagen) und Götterdämmerung (gleich) - ich stimme mich ein auf das Finale.

Fröstelnde Temperaturen im Juli, Regen peitscht an die Fensterscheiben, die Nacht war unruhig, Gewittersturm. Wagner-Wetter. Da ist sie wieder, diese Stimmung. Zwischen Siegfried und Götterdämmerung. Ich hatte sie zum ersten und bislang einzigen Mal beim Braunschweiger Ring-Zyklus 2002. Fünf Stunden Siegfried liegen hinter dir - sechs Stunden Götterämmerung noch vor dir. Du wanderst durch deine Stadt, hier ein "Leser fragen", dort eine Moderation, noch eine Forschungsexkursion zum Welt-Windkanal am Flughafen - aber du wirst das innere Brausen nicht los, den Donnersturm, das Rütteln der großen Fragen. Das grandiose Scheitern steht dir noch bevor.

Es ist alles nur Oper. Aber was für eine. Wagners Siegfried ist der freie Held, der den Plan des Gottes ausführt, der ihn schuf  - und der schließlich auch Gott selbst noch zerbricht. Wie alles, was ihm unterkommt. Er ersticht seinen Ziehvater, er haut den Drachen im Wald um, unter seinem Schwerthieb zerbirst selbst Wotans Speer und lässt diesen endgültig alt aussehen. Er hat das unbesiegbare Schwert selbst geschmiedet, den Ring in der Tasche, die Feinde im Staub, er ist unterwegs zu Brünnhilde, die ihm gehören wird. Fallrückzieher vom Mittelkreis ins Dreieck. Doch was kommt dann?

Das ist das Problem. Siegfried ist in Wirklichkeit eine Warnung der Geschichte. Er ist das Produkt des Untergangs und der bedingungslosen Kapitulation der bestehenden Mächte, die sich überlebt und gegenseitig zerstört haben, die pulverisiert und fortgeblasen werden von jenen Kretins und Homunkeln, die sie selbst erschaffen haben. Aus diesem Urgrund des Nichts wird aus Missgeburten und Hundsfötten, die keine Kultur und Zivilisation kennen, eine Gesellschaft der Mord-Monster.

In seinem 1937 erschienenen Roman "Bockelson - Geschichte eines Massenwahns"  erzählt Friedrich Reck-Malleczewen die Geschichte des Täuferreichs zu Münster.

Der Führer Jan Bockelson kommt 1534/35 aus dem Nichts aus dem holländischen Leyden, verjagt den Bischof, stürzt die Stadtregierung, ernennt sich zum König von Münster, errichtet das Tausendjährige Reich, lässt den Bildern im Dom die Augen zerstechen, verbietet das Geld und gebietet die Vielweiberei. Der charismatische Führer vesetzt Münster in den Taumel kollektiven Wahns, verspricht das ewige Jerusalem - und endet nach zwei Jahren als Fraß für die Krähen im Folterkäfig oben an der Lambertikirche.

Die Nazis verboten "Bockelson - Geschichte eines Massenwahns" sofort.  Der national-konservative Journalist und Theaterkritiker Friedrich Reck-Malleczewen wurde im Februar 1945 im KZ Dachau ermordet. Auf einem Flohmarkt fand ich vollkommen überraschend die gelbstichige Erstausgabe seines "Tagebuches eines Verzweifelten", das 1947 unter US-Lizenz in Stuttgart erschien und vollkommen vergessen ist. Es ist ein erschütterndes Dokument der Verzweiflung und der Hellsicht.

Am 11. August 1936 vertraut er seinem Tagebuch die ins Auge fallende Parallele zwischen Jan Bockelson und Adolf Hitler an:

"Ich glaube, dass hier der Verdrängungstrieb einer freilich aus Abfall gemachten und tief missratenen Persönlichkeit sich zusammenfand mit einer Laune der Geschichte, die diesen, wie einst den Gerber Kleon, an den Hebeln ihrer großen Maschinerie eine Weile spielen lässt. Ich glaube, dass dieses alles sich zusammenfand mit einer Fieberstunde dieses Volkes. Ja, ich glaube, dass dieser armselige aus einer Strindbergschen Kothölle entlassene Dämon wie einst jener Bockelson sich zusammenfand mit einer Stunde der Abszessentleerung, dass er kam als Verkörperung aller trüben sonst wohl gebändigten Massenwünsche ... oh, wahr und wahrhaftig wie sein Münsterischer Vorgänger als die Figur einer deutschen Gespenstergeschichte."

Friedrich Reck-Malleczewen hat Adolf Hitler, den Mann, der Wagner liebt und der im "Ring des Nibelungen" förmlich aufgeht, vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten getroffen. "Es war in jenem ahnungsvollen Herbst 1932, als Deutschland zu fiebern begann."

Er sieht Hitler ohne die übliche Leibgarde am Nachbartisch in einem Münchener Lokal. Reck-Malleczewen hat eine schussbereite Pistole, "da die Straßen damals schon recht unsicher waren". Er schreibt: "Ich hätte ihn in dem nahezu menschenleeren Lokal ohne weiteres abschießen können. Ich hätte es ohne Zaudern getan, sofern mir eine Gewissheit über die Rolle dieses Unflates und über unser jahrelanges Leiden gekommen wäre."

Er schießt nicht, er schlägt ihn nicht tot wie einen Hund. Er ist kein Siegfried.

Auf zur Götterdämmerung.

Mein Foto ist ein "Screenshot" der Broschüre Aufführungsfotos der Staatsoper Hannover. Sie zeigt Robert Künzli als Siegfried in der Inszenierung von Barrie Kosky in Hannover mit dem Riesen Fafner (links, oben), mit dem Schwert (links, unten) und als Superman mit Bär und Mime (rechts). Die Fotos in der Broschüre sind von Thomas M. Jauk.

 

Die ganze Welt ist deine Bühne

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Der doppelte Jahrgang entlässt seine Kinder.

Abitur 2011 - Tutorin Frau Pfleiderer gibt Annika ein wenig Shakespeare mit auf den Weg.

Ich geh ein Stück mit.

Die ganze Welt ist Bühne,
Und alle Frau'n und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen.
Durch sieben Akte hin.
Zuerst das Kind,
das in der Wärt'rin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz, wie die Schnecke,
Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied
Auf seiner Liebsten Brau'n; dann der Soldat,
Voll oller Flüch' und wie ein Pardel bärtig,
Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,
Bis in die Mündung der Kanone suchend
Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter,
In rundem Bauche, mit Kapaun gestopft,
Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,
Voll weiser Sprüch' und neuester Exempel
Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter
Macht den besockten hagern Pantalon,
Brill' auf der Nase, Beutel an der Seite;
Die jugendliche Hose, wohl geschont,
`ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;
Die tiefe Männerstimme, umgewandelt
Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt
In feinem Ton. Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen
Ohn' Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles
.

So weit Schlegels Übersetzung. Hier Shakespeare im Original:

All the world's a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts,
His acts being seven ages. At first, the infant,
Mewling and puking in the nurse's arms.
Then the whining schoolboy, with his satchel
And shining morning face, creeping like snail
Unwillingly to school. And then the lover,
Sighing like furnace, with a woeful ballad
Made to his mistress' eyebrow. Then a soldier,
Full of strange oaths and bearded like the pard,
Jealous in honor, sudden and quick in quarrel,
Seeking the bubble reputation
Even in the cannon's mouth. And then the justice,
In fair round belly with good capon lined,
With eyes severe and beard of formal cut,
Full of wise saws and modern instances;
And so he plays his part. The sixth age shifts
Into the lean and slippered pantaloon,
With spectacles on nose and pouch on side;
His youthful hose, well saved, a world too wide
For his shrunk shank, and his big manly voice,
Turning again toward childish treble, pipes
And whistles in his sound. Last scene of all,
That ends this strange eventful history,
Is second childishness and mere oblivion,
Sans teeth, sans eyes, sans taste, sans everything.

 

Und hier meine Übersetzung:

 In aller Welt ist deine Bühne.

Denn alle Menschen sind doch nur Spieler. Sie gehen, kommen, geben viele Rollen.

Sieben Akte aber gibt uns das Leben.

Sieh ein Kind, das auf dem Arm schreit und sabbert.

Sieh den bangen Schüler mit seinem Ranzen, geschniegelt und gestriegelt. Der Schule will er fliehen, erreicht sie widerstrebend, doch sie erreicht ihn nicht

Sieh die Liebe!  Glühend, knisternd, mit wehmütiger Ballade - eine Melodie wie ein liebendes Gesicht.

Sieh die Soldaten, entfremdet durch Fahneneid, zur Maske verroht, geil auf das Ritterkreuz, jähzornig im Kampf. Doch ihr Ruhm ist schon zerplatzt, noch bevor ihre Waffen geladen sind.

Sieh den Gesetzten, das Ränzlein spannt vom Sonntagsbraten. Mit strengem Blick - immer in der Mode der Zeit - sagst du uns noch stets, was nun zu denken und zu meinen ist. Loyal, das bist du bis zur Selbstverleugnung.

Sieh den sechsten Akt, wenn du Schlappen trägst und Ballonanzug. Alterssichtig, Säcke unter den Augen und an den Rippen. Du zwängst dich in Jeans, kaufst dir Viagra und ein künstliches Hüftgelenk. Wirst wieder kindisch, machst dich zum Affen, pfeifst den Jungen nach.

Sieh schließlich das Ende dieses ereignisreichen, schicksalhaften Stücks. Der Kreis des Lebens schließt sich, wenn die Kindheits-Bilder aufscheinen und sich Umnachtung senkt. Ohne Biss und Blick. Ohne Sinne. Nur noch - nichts.

 

Mein heutiges Bild zeigt die Übergabe der Abiturzeugnisse des Braunschweiger Wilhelm-Gymnasiums in der Ägidienkirche am 24. Juni 2011.

Foto: Henning Noske

Mein Ring (1) - Die Walküre

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Wilde Weiber mit blutigen Knien.

Keine Angst - keine Kulturkritik. Bloß die größte Geschichte der Welt - verzweifelte Götter, entfesselte Gewalt, zerbrechende Familien, Vater opfert Sohn, Tochter verstößt Vater, der rächt sich mit Blut und Benzin, von der Decke trieft Urschleim. Ist Wagner lustig? Nein. Aber schön.

Die Kunst ist es, ein Welt-Werk, eine Welten-Oper, in ein paar süffigen Sätzen zu erzählen. Zumal tausende von Seiten schon darüber geschrieben wurden. Hier meine schönsten Sätze und Bilder:

Die Walküre: Die beste der vier Opern  aus dem Zyklus "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner. Fünf Stunden Hochspannung, ein Drama ohnegleichen. Wenn um Brünnhilde in der Schlussszene die Flammen lodern, möchtest du sitzen bleiben. Bis zum Siegfried, einfach dableiben. Dann die nächsten fünf Stunden. Ohne jede Ermüdung. Zweimal Pause. Den anderen geht es genauso. Aber Siegfried ist erst nächsten Donnerstag.

Der Walküren-Ritt: Immer die erste Frage - wie zeigt die Inszenierung das Schauspiel der Wotan-Töchter, die in Walhall die gefallenen Helden umsorgen und sich mit Toten vergnügen? Diesmal Barrie Kosky in Hannover: eine Tankstelle mit zerfleischten Unfallopfern, die Walküren als Motorrad-Bräute.

Die Welt-Esche: Das stärkste Bild, Wotans Symbol. In ihr steckt sein Schwert Nothung, das unbesiegbar macht. In Hannover fehlt die Welt-Esche, und das ist kaum verzeihlich. Dafür eine Art Vulva in einer angekokelten, tumorartig blasenschlagenden Zimmerdecke. Als Siegmund hineingreift und das Schwert aus diesem Schoß zieht, gehen in einer Art Sturzgeburt Schleim, Blut und Fruchtwasser auf ihn nieder. In dieser Suppe vereinigt er sich mit seiner Zwillingsschwester Sieglinde - immerhin hinter einem Sofa. Daraus wird dann Siegfried.

Hundings Hütte: Der Horror, Fritzls Keller, Priklopils Verschlag. Nie ist eine Frau ihrem Schinder so ausgeliefert gewesen wie Sieglinde. Als ihr Bruder Siegmund sich auf der Flucht vor Hauptsturmführer Hunding ausgerechnet in dessen Hütte rettet, beginnt eine unvergessliche Liebesszene. Dieser erste anderthalbstündige Akt der Walküre ist das ganze Geheimnis des Magiers Wagner. Es ist die Krone des Rings.

Wotan: Gott, Wolf, Wälse. Traurig. Die Familie in Trümmern, Schulden schnüren ihm die Luft ab, die betrogene Frau packt ihn an den Eiern, zur Opferung des eigenen Sohnes Siegmund mit eigener Hand (Speer sticht Schwert) wird er durch Verrat ausgerechnet der Lieblingstochter Brünnhilde gezwungen, die er schließlich in der Tankstelle mit E 10 aus der Zapfpistole übergießt und die Fackel zückt. Aber auch Gott ist tot. Der Über-Vater entlässt seine Kinder. Später wird man Wotan nur noch als Wanderer sehen. Das mach ich dann auch.

Brünnhilde: meine Heldin. Sie bekommt deshalb meinen stärksten Satz: Je stärker dein Vater, desto stärker musst und kannst du selbst sein. Machs gut. Irgendwann sehen wir uns wieder. Brünnhilde ist auch Wagners stärkste und beste Figur: Indem sie Sieglinde und ihren Bauch schützt, rettet sie Siegfried - und damit meinen nächsten Donnerstag.

Fricka: Göttin. Wölfin. Stark. Betrogene. Weil sie Wotan derart erbarmungslos in die Enge treibt, hat sie meine Sympathie nicht. Man kann sie aber auch verstehen: Wotan zeugt Siegmund und Sieglinde mit einer anderen Frau irgendwo im Wald. Alle Walküren in Walhall haben seine Gene, bloß ihre nicht. Und ausgerechnet Brünnhilde entspringt einer Liebesnacht Wotans mit Urmutter Erda.

Die Musik: Muss was drin sein.

Das Rheingold: Eigentlich überflüssig. Der drei-tägige Ring beginnt mit der Walküre. Drei Stunden Rheingold sind aber ein wirklich netter Vorabend, ich habe ihn in Hannover 2010 gesehen. Da hatte ich aber noch kein facebook. Die Rheintöchter als Revue-Girls. Erda von einer faltigen Greisin gespielt, nackt auf der Bühne. Das Rheingold in einem Satz: Der geraubte Goldschatz vom Fuße des Rheins wird zum Fluch wie die Klimakatastrophe, die man vielleicht noch beschreiben, aber nicht mehr beherrschen kann. Die Walküre in einem Satz: Politik und Revolution sind das eine, aber den wahren Krieg liefern wir Menschen uns in unseren Beziehungen.

Die Götterdämmerung: Schluss, Finale, nochmal sechs Stunden am Sonntag nach Siegfried. Ein paar schöne Sätze werden mir da wohl noch einfallen.

Mein Foto oben: zeigt natürlich Brünnhilde in Hannover (phantastisch: Sabine Hogrefe). Sie zeigt inmitten der Walküren auf Sieglindes Bauch, in dem sich bereits Siegfried regt, und weist ihr den Weg nach Osten, um vor Wotan in Sicherheit zu sein. Die Walküre rechts hat das zerbrochene Schwert Nothung in der Hand, das sie Sieglinde mitgeben werden. Der Drache muss erst später dran glauben - wir hören noch davon.

Fotos: Henning Noske 

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Auf dem Kolonnenweg

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Störgeräusch der DDR.

Unterwegs nach Böseckendorf, ein echter schwarz-rot-goldener Sonntag  - 50 Jahre, nachdem ein ganzes Dorf aus der DDR flüchtete. Die "Thüringer Allgemeine" schreibt mit tatkräftiger Unterstützung des Baunschweiger Landes die Böseckendorf-Saga der Versöhnung zwischen Ost und West. Eichsfelder Wursteplatte mit Rotkäppchen-Sekt und Bitburger Pils im Feuerwehr-Gerätehaus. Dazu Jägermeister und Böseckendorfer Herztropfen. Deutschland, einig Vaterland!

So liebe ich es, im Eichsfeld machen sie Semmelbröseln in die Knackwurst. Ich trage dick auf, auch bei der Stracke und der weichen Mettwurst, leicht geräuchert. Schlachter Fröhlich jagt noch jeden Mittwoch persönlich einem Schwein den Bolzen in den Brägen, wie früher - und so schmecken auch das frische Mett und das Kesselfleisch. Der Dicke rührt im Feuerwehrhaus mit dem Finger in der Luft herum, steckt ihn in einen imaginären Mettklumpen, leckt ihn ab - und macht ein verzücktes Gesicht. So schmeckt man im Eichsfeld auch heute noch die Mettwurst ab.

Für diese Methode haben sie hier veterinärbehördlich noch eine Ausnahmegenehmigung, gleichsam kulturelles Erbe. Die Deutschen haben halt die besten Schlachter der Welt, bloß dass sie 40 Jahre getrennt schlachteten. Das ist nun auch schon seit 20 Jahren vorbei, doch das katholische Eichsfeld  war eben noch zerrissener als andere Landstriche, weil die streng Gottgläubigen Ulbricht und Honecker verachteten - und vor allem auch jene Neubürger, die sie zersetzen sollten. Umgekehrt schlägt den jetzt Zurückkehrenden nach der Flucht, die die Welt bewegte, auch heute noch bisweilen blanker Hass entgegegen.

Bloß in Böseckendorf nicht mehr, seit diesem Sonntag nicht mehr. Im Feuerwehr-Gerätehaus prosten wir uns zu, Chefredakteur Paul-Josef Raue aus Erfurt, sein Chef-Scout Dieter Prüschenk aus Gifhorn, Böseckendorf-Heimkehrer Georg Klingebiel mit Frau und Verwandten, Böseckendorfs Bürgermeister Erhard Zwingmann, Kreis-Bürgermeister Horst Dornieden aus Teistungen, zwei hungrige Braunschweiger Wurst-Experten - und zahlreiche Leser. Hier kaut zusammen, was zusammengehört.

Der Weg nach Böseckendorf führt uns über den Kolonnenweg, jene nahezu unverwüstliche löchrige Panzerplattenstrecke, auf der sich unsere Frauen auch in 1000 Jahren noch die Hacken brechen werden. Regelmäßig prasseln deutsche Schauer in die Capes, empfindlich kühl, doch die Freude über einen gelungenen Tag im ausrollenden Südharz mit seinen Kuppen und Tafelbergen, mit seinen Kirchen, Wegkreuzen und Grenzdenkmälern, auf die bisweilen sogar Sonnenstrahlen fallen, treibt uns munter voran. Der Weg ist das Ziel, im Eichsfeld ist er ein Zeichen.

Im Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen, Thüringen, hängt ein großformatiges Bild - Schwarzgekleidete mit Zylindern  tragen in einer tiefkatholischen Prozession einen schmerzgekrümmten Jesus durch die Straßen, dahinter ein gewaltiger Zug. Die Legende zu diesem Bild verrät das Aufnahmedatum: 1978! Da stand die DDR voll im Saft, vermutlich stand sie nie besser da, das Wohnungsbauprogramm machte sogar Erich kurzzeitig populär. Nicht im Eichsfeld, wo seit jeher Gott regiert. Den Sozialismus in seinem Lauf halten zwar weder Ochs noch Esel auf. Aber Josef und Maria.

Und ein Naturfilmer. Der legendäre Heinz Sielmann drehte hier auf der anderen Seite der Grenze, bei Duderstadt, Niedersachsen, 1988 den systemsprengenden Reißer "Tiere im Schatten der Grenze". Er meinte aber nicht die "Aktion Ungeziefer", mit der die Sozialisten vor 50 Jahren Katholiken ins Hinterland verschleppen wollten, sondern seltene Arten wie Rohrdommel und Wildkatze.

"Ich jedenfalls, meine lieben Zuschauer, kann mir kein besseres Denkmal für eine überwundene deutsch-deutsche Grenze vorstellen, als einen großen Nationalpark von der Ostsee bis zum Thüringer Wald", sagte Sielmann - 1988! - in seiner unvergesslichen Art direkt an der Grenze, obwohl drüben ein volkseigener Traktor nach dem anderen aufgeboten wurde und seine Kreise drehte, um die Botschaft per Störgeräusch zu übertönen. Man sieht diese Szene im Grenzlandmuseum Eichsfeld wieder und wieder, freut sich köstlich und ahnt etwas von der Verzweiflung der Grenz-Kommandeure, die auf alles vorbereitet waren, nur nicht auf Blaugrasrasen, Wiesenspitz- und Mopsfledermaus.

So geht ein freier Sonntag zuende, wie ich ihn liebe. Die Wade schmerzt, die klamme Hose stockt vom Regen, die Wangen sind leicht gerötet, und abends haben wir trotz der Fettlebe im Feuerwehrgerätehaus schon wieder Hunger. Ich gönne mir zum Abschluss eines erfüllten Tages noch ein paar Böseckendorfer Herztropfen, besser ist es, Saure Kirsche, 21 Prozent  - und überlasse den versierten Kollegen der "Thüringer Allgemeinen" heute mal die staatstragenden Reportagen.

Schlachter Fröhlich, allein für deine Leberwurst komme ich wieder.

Meine Bilder heute zeigen zwei historisch interessierte Zaungäste auf dem Kolonnenweg (oben) sowie unten eine historische Szene in Böseckendorf (von links): Georg Klingebiel, Paul-Josef Raue, Dieter Prüschenk, Horst Dornieden und Erhard Zwingmann vor dem jahrhundertealten wiederhergerichteten Klingebiel-Haus und dem Böseckendorfer Gotteshaus.

 

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Fotos (2): Henning Noske

 

 

Facebook - Was tun wir hier?

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Das größte Experiment der Welt - eine Obsession

Meine Ex wünscht mir "Guten Morgen", meine Frau stellt Ihren neuen Freund ins Netz, mein Chef kritisiert mich vor versammelter Welt-Öffentlichkeit, meine Kinder lehnen meine Freundschaft ab, mein Nachbar lässt mich jeden Tag in seinen Kochtopf gucken, meine Schüler posten mir Dates, Liebeskummer und Schlafmangel,  meine Kollegin täglich ihr Horoskop, meine lieben Leser ihre Hunde, Katzen, Träume und Ängste - und ich? Ich steigere meine Auflage - auf jetzt mehr als 3000 Site-Views meines Blogs bei Posterous. Seit April.

Bin ich wahnsinnig, habe ich ein Rad ab? Ich kann eine halbe Million Leser haben, und ich habe sie auch - jeden Tag in der "Braunschweiger Zeitung". Auflage mal zwei bis drei gleich Reichweite. Doch ich jage auch meine persönliche Reichweite: Wenn ich besonders offen bin, liegt sie höher. Also bin ich offen. Ich bin ein Quoten-Jäger bei Facebook. Je mehr Freunde ich habe, desto mehr klicken sie meinen Blog an. Also sammele ich sie. Je süffiger die Anriss-Zeilen, desto besser ist die Quote. Das ist Boulevard-Journalismus im sozialen Netzwerk. Beste Quoten hatte ich beim "Krieg der Spermien". Jugend- und Frauen-Fußball läuft leider nicht ganz so gut.

Vor kurzem hatte ich mich noch über derlei lustig gemacht, vor allem über Twitter. Ich gab der geschätzten Kollegin Seibel ein Interview und ätzte über die armen Gesellen, die noch eine letzte Wasserstandsmeldung aus dem Keller funken: " ... verdammt, kein Netz ..." Mittlerweile bin ich selber so. Aus Weißrussland rettete ich morgens um halb vier die stärkste Geschichte meines Lebens kurz vorm Akku-Totalversagen und blies sie mit letzter Energie hinaus in die Welt. Als ich in der Kemenate des Minsker Johannes-Rau-Hauses nach nur drei Stunden komatösen Schlafes zu mir kam und die eingehenden Gefällt-mir-Buttons quittierte, huschte ein erlöstes Lächeln über mein Gesicht.

Was passiert da gerade mit uns? Fest steht, dass Facebook eine klassische Variante des Journalismus ist, denn dort treffen sich gute Schreiber, spannende Geschichtenerzähler und Bilder-Erfinder, Selbstdarsteller, Entertainer, Unterhalter, Lotsen, Lackaffen und Langweiler. Falls einmal die Zeitung nicht mehr gedruckt werden sollte, wovon ich nicht ausgehe, aber womit gerechnet werden muss, klaube ich mir meine Leser bei Facebook zusammen. Ich mache ihnen ein gutes Angebot. Ich bin der Beste.

Vielleicht ist das meinen Lesern dereinst 30 Cent pro Post wert. Das wären bei 3000 Lesern seit April - 30 Posts mal 100 Leser, wenn es hochkommt - also immerhin 900 Euro. Davon, mit Verlaub, kann man nicht leben. Also 60 Cent - so viel wie für eine "Bild". Da muss man aber schon was bieten. Es heißt, dass sich in Amerika bereits viele Journalisten so durchschlagen - früher heimsten sie Pulitzer-Preise ein. Auch künftig ist das nicht ausgeschlossen, denn für 30 oder 60 Cent kann man durchaus Qualität liefern und bekommen. Und bei 30 000 Klicks sieht die Sache schon ganz anders aus.

Da ist also noch Luft nach oben. Was wir hier in den Blick nehmen, ist nichts anderes als das Ende der Ausbeutung und entfremdeten Arbeit des Menschen im Kapitalismus. Bislang war und bin ich nach der klassischen Lehre von Marx und Engels ein doppelt freier Lohnarbeiter. Einerseits also frei von Produktionsmitteln, denn ich besitze keine Druckereien und Papierfabriken. Und anderseits ebenso frei, meine Arbeitskraft den Kapitalisten auf dem Journalisten-Markt anzubieten und dafür einen ordentlichen Preis zu erzielen. Allerdings nicht ganz, denn ich bekomme nach der reinen Lehre nicht alles, was mit zusteht. Schließlich presst der Kapitalismus aus mir den Mehrwert heraus wie aus einer leeren Zitrone, woran er eines Tages zugrunde gehen wird.

Die Weltrevolution wird nun freilich nicht von elenden, hohläugigen Journalisten auf den Barrikaden gemacht, sondern sie tritt dem Klassenfeind paradoxerweise in Form eines kleinen blauen f entgegen - oder aber mit jenem grünen "Publish"-Button beim Micro-Blog posterous, den mein heutiges Foto zeigt und dem ich meine Höhenflüge hier verdanke. Dieser grüne Knopf ist mein Maschinenpark und erlöst mich aus fremdbestimmer Sklavenarbeit. Ich brauche keine Chefs und andere Agenten des Kapitalismus mehr. Ich schufte jetzt im Akkord für eine kleine Start-up-Firma im Silicon Valley und für Zuckerberg. Aber frei.

Diesem Experiment unterziehe ich mich ebenso freiwillig wie meine Ex, meine Frau, mein Chef, meine Kinder, mein Nachbar, meine Schüler, meine Kollegin und meine lieben Leser. Machen wir nur so weiter! Ich auch. Wir haben viel Spaß, aber wir geben auch viel Wertvolles - unsere Zeit und unser Privates. Wir öffnen uns - mehr als Menschen sich vermutlich jemals in der Weltgeschichte geöffnet und offenbart haben. In diesem Experiment liegt viel Vertrauen. Es ist eine globale Obsession, die Regime stürzen kann, Dummköpfe und Diktaturen verdorren lässt. Die Belastungsprobe der neuen Freiheit aber steht noch aus. Nutzen wir sie, so lange es uns noch richtig Spaß macht.

Publish ...

 

Neonazis spielen mir das Lied vom Tod

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Auf YouTube steht der Galgen schon

Alles ganz easy im Internet, immer nur Friede, Freude, Eierkuchen im sozialen Netzwerk? Sicherlich nicht. Aber leicht schockiert ist man schon über die eigene Hinrichtung bei YouTube. Besser gesagt, über die Errichtung des Galgens für mich und 57 Kollegen durch Neonazis. Sie spielen uns das Lied vom Tod (Zartbesaitete und Familienangehörige bitte nicht anklicken):

Dies ist der düstere Nachhall der Neonazi-Demo am vergangenen Wochenende in Braunschweig und Peine. Ein Experte und kundiger Beobachter der rechtsextremen Szene und ein Beamter der Polizei haben uns auf das Video aufmerksam gemacht, das praktisch alle journalistischen Beobachter ("Roter Pressesumpf") im Porträt zeigt. Das letzte Bild zu den berühmten Klängen von Sergio Leones Italo-Western-Klassiker zeigt einen Galgen zum Glockenschlag.

Ich mochte den Film, seine Bildsprache und insbesondere die Morricone-Musik eigentlich immer. Wie in Richard Wagners Ring-Opern, die es mir besonders angetan haben, sind es eingängige Leitmotive, die das Gerüst der Handlung bilden und jede Figur begleiten. Eine Western-Oper. Charles Bronson zur Mundharmonika. Henry Fonda als Wotan. Tod und Rache, Killen und Lynchen, ein verstörend schöner und ästhetischer Film. Kunst. Ich werde ihn mir demnächst wieder einmal ansehen.

Es gibt in unserer Region einen besonderen Erinnerungsort, es ist die Hinrichtungsstätte Wolfenbüttel. Sie diente von 1937 bis 1945 zur Vollstreckung von mehr als 600 Todesurteilen. Nicht nur der Galgen, auch das Fallbeil kam zum Einsatz. Auch die Urteile des Braunschweiger Sondergerichts wurden hier vollstreckt, zum Beispiel das an Erna Wazinski, die wegen "Plünderung" nach einem Bombenangriff zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Die Gedenkstätte Wolfenbüttel ist wirklich ein wichtiger Ort des Lernens für diese und künftige Generationen.

Man kann immer wieder dankbar dafür sein, förmlich darauf gestoßen zu werden, wie wichtig dies ist. Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen.

Mein heutiges Foto wurde am 4. Juni 2011, nachmittags, auf dem Hagenmarkt in Peine aufgenommen. Es zeigt Trommler der Neonazi-Demo. Später skandierten 700 Marschierer auf dem Rückweg zum Bahnhof: "Nationalsozialismus. Jetzt! Jetzt! Jetzt". Das untere Bild wurde am Vormittag in Braunschweig aufgenommen. Dort hatte ein breites Bündnis den Marsch der Neonazis verhindern können.

Fotos (2): Henning Noske  

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