Der Online-Mann
In Blogger-Foren, unter Medien-Journalisten und Journalismus-Buch-Autoren ist derzeit ein Streit um den Online-Journalismus losgebrochen. http://medialdigital.de/2012/01/30/steinzeitansichten-uber-zukunfts-journalismus/ Anlass und Auslöser ist der Klassiker der Journalismus-Bücher, die Print-Bibel-Fibel "Handbuch des Journalismus" von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue, jüngst nachgerüstet zum "Neuen Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus". Schneider und Raue sind sich darin treu geblieben, in jeder Beziehung: Qualität kommt von Qual, ist ihr Credo - und vor Qualität auch im Online-Journalismus setzen sie die strenge Schule der Schreib- und Recherchepäpste. Ohne handwerkliche Fähigkeiten, ohne Faktengerüst und Fabulierlust, ohne Verantwortung auch für die andere Seite und auch die Gegenmeinung, schlicht ohne journalistische Tugenden der Neugier, Unabhängigkeit, Wachsamkeit und extremen Gründlichkeit gibt es keinen Qualitäts-Journalismus, auch nicht online. Dies, mit Verlaub, ist unsere DNA.
Paul-Josef Raue hat nun in der ihm eigenen Art seine Geringschätzung mancher Erscheinungen und Stilblüten im Internet auch in der Erweiterung des Handbuchs untergebracht - seine hochfahrende Verachtung gegenüber Beliebigkeit sitzt tief. Der Mann, mit dem ich selbst ein Jahrzehnt lang bei der "Braunschweiger Zeitung" zusammenarbeiten durfte, neigt nicht zu Kompromissen und Freundlichkeit in Fragen, die er für wichtig erachtet. Das geht so weit, dass er sich in seinem jetzt zur Diskussion stehenden Online-Kapitel des Handbuchs in fast schon naiver Weise angreifbar macht. In Sorge um Qualität und ein paar gute alte Prinzipien (mehrere Quellen, eindeutige Autorenschaft, Trennung von Bericht und Meinung, saubere Reportage) hat er es sich gründlich mit einigen Machern des absolut empfehlenswerten Standardwerkes der neuen Generation "Universalcode. Journalismus im digitalen Zeitalter" http://universal-code.de/ verdorben.
Und - worst case - ausgerechnet dem großen Meister Raue selbst ist mit einem falschen Zitat auch noch ein dicker Fehler unterlaufen, den er in seinem Blog http://www.journalismus-handbuch.de/ mittlerweile korrigiert.
Unabhängig davon ist der Streit jedoch sehr erhellend. Da, wo er kein plumper Generationenkonflikt ist, geht er an den Nerv des aktuellen Ringens oder Würgens, ganz wie man will, um den Journalismus der Zukunft. Der ist noch nicht erfunden, höchstens in Umrissen sichtbar. Ich selbst habe in diesen Tagen ein Journalismus-Buch herausgebracht, in dem ich mich mit dem beschäftige, was man "wissen und können muss". Meine Kollegin und Freundin Inge Seibel-Müller hat es in der aktuellen Diskussion um Raue/Schneider in einem Kommentar so gewürdigt: "Ich empfehle mittlerweile ein anderes Buch, erschienen Ende 2011, geschrieben von Henning Noske, Wissenschaftsredakteur der Braunschweiger Zeitung, Leiter der Stadtredaktion, ausgezeichnet mit mehreren Journalistenpreisen. http://web.klartext-verlag.de/bookdetail.aspx?ISBN=978-3-8375-0585-6 Ein bescheidener Journalist, der seinen Beruf liebt und seine Leser achtet. Der Titel: 'Journalismus. Was man wissen und können muss.' Über 'Online' liest man in diesem Buch auch nicht all zu viel. Warum? Noske: 'Online wird die gedruckte Zeitung ablösen, doch wann das ist, wissen wir alle nicht. Bloß, wozu ist diese Erkenntnis eigentlich wichtig? Sie ist für ein gutes Journalismus-Buch überflüssig wie ein Kropf. Es ist für das, was wir hier gemeinsam lernen wollen, weitgehend zweitrangig, ob die Früchte gedruckt werden oder am Bildschirm zu lesen sind.'
Danke, Inge, das ist tatsächlich mein Kommentar zu der laufenden Diskussion. Ich darf hier ein wenig indiskret sein - und Paul-Josef Raue ein wenig vorgreifen. Er ist derzeit im Urlaub in fernen Landen und hat vorher schriftlich ein Interview mit mir über mein Buch geführt. Darin lautet eine seiner Fragen: "Sie tummeln sich auch selber in der digitalen Welt, tummeln sich bei Facebook und haben einen eigenen Blog. Dennoch kommt der Online-Journalismus nur am Ende des Buchs in einem Interview vor. Auch im – ungewöhnlich reichen – Glossar findet der Leser nur wenige Online-Begriffe. Ist Online doch nur eine wenig spektakuläre Ableitung des Zeitungs-Journalismus?"
Meine Antwort: "Nein, aber mein Buch bewegt sich gewissermaßen in der Vorstufe. Da, wo alle anfangen. Im Urgrund von Print. Wo wir uns mit ein paar ganz grundlegenden Fragen beschäftigen müssen: Was treibt mich eigentlich an?
Welche Qualitäten muss ich haben? Wie finde ich Themen? Wie komme ich an Informationen? Wie bereite ich Themen und Informationen auf? Wie schreibe ich gut? Wie mache ich Bilder und gute Überschriften? Wie entstehen Fehler und wie kann ich sie vermeiden? Wie sichere ich meine Qualität? Danach kommt dann erst die Entscheidung Print oder Online – ob wir sie selbst treffen oder ob sie für uns getroffen wird. Das Interview, das Sie ansprechen, ist übrigens ein besonderer Werkstattbericht: Mein Kollege Andre Dolle schildert ausführlich, wie er vom Print- zum Online-Redakteur wurde. Das passt prima ins Buch."
Auf die journalistischen Grundtugenden kommt es also an, bestätigt mit meinem Kollegen Andre Dolle (33, Bild oben) ein ebenso junger wie bereits erfahrener Journalist, der beim Braunschweiger Zeitungsverlag jetzt von der Print- in die Online-Redaktion wechselte. Es geht gar nicht um Print oder Online, schreibt er uns ins Stammbuch – es geht um guten Journalismus. Dessen Tugenden kann man lernen. Doch auch die Unterschiede müssen herausgearbeitet werden. So, wie es das Werkstattgespräch zeigt:
Andre, Du bist “Print-Redakteur”, der die Fronten wechselt und jetzt Online-Journalismus macht. Was sind Deine wichtigsten Gedanken an dieser Schnittstelle, angesichts dieser Weichenstellung? Es ist extrem spannend! Die Zeitung, für die ich arbeite, stellt ihren Online-Auftritt vollkommen neu auf - und ich bin dabei. Ich baue das mit auf.
Ich bin vergleichsweise jung und bringe schon von vornherein eine gewisse Online-Affinität mit. Außerdem habe ich schon während meines Studiums Praktika bei Online-Medien gemacht.
Was dachtest Du denn vorher, was nun auf Dich zukommt? Was war Dein Motiv, von Print zu Online zu gehen?
Es war zwiespältig. Einerseits habe ich gedacht: extrem spannende Aufgabe! Das ist neu, das macht Spaß, da kann ich was bewegen, da kann ich Einfluss nehmen. Andererseits war mir natürlich sofort klar: Online bedeutet auch immer Schichtdienst - wir haben eine Präsenzzeit von 7 bis 23 Uhr, in drei Schichten. Das bedeutet also, dass man seine Zeit und Freizeit, sein Privatleben, umstellen und anpassen muss. Das belastet auch, keine Frage. Das nehme ich jedoch in Kauf.
Weil ja bei dem Thema von vornherein klar ist: Wir drucken nicht nur einmal am Tag die Zeitung …
Eine Homepage kann man halt am Tag so oft drehen, also verändern, wie man möchte. Das kann man nicht nur, das muss man. Auf der Homepage muss sich ständig etwas tun! Wenn Leute, Nutzer, auf die Seite gehen - zum Beispiel morgens am Arbeitsplatz -, dann schauen sie zuerst: Was tut sich bei uns? Und wenn dann später oder gar am Abend immer noch dieselben Top-Storys auf der Seite stehen, dann wird sich der Leser denken: Da passiert doch gar nichts, da lohnt es sich nicht hinzugehen. Online lebt über die permanente Aktualität! Und das muss sich auch widerspiegeln.
Wenn wir nun Online als eine Art Zeitung definieren, wie oft würde diese Zeitung im Laufe des Tages neu erfunden?
Wir drehen natürlich nicht jedes Element auf der Homepage mehrere Male, aber ständig Teile, auch mit Hilfe unserer Lokalredaktionen. Wir haben im Moment ständig vier Top-Stories auf der Seite - und wir sehen zu, dass sich zumindest bis zum Mittag alle vier erneuert haben. Und dann geht es eben nach Bedarf ständig so weiter. Wir wissen nämlich von unseren Einschaltquoten, also den Klick-Zahlen, wann die Leute online gehen. Dafür haben wir eigene Messinstrumente. Wir wissen daher, dass wir ein gutes Angebot machen müssen, wenn die Leute morgens im Büro unsere Seite besuchen.
Früher haben wir gesagt: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Was sagt man bei Online-Journalismus?
Das A und O ist absolute Frische, News-Charakter, Aktualität. Das ist das entscheidende Qualitätsmerkmal. Kürzlich hatten wir einen Bombenalarm in einem Parkhaus. Die Print-Kollegen argumentierten: Ach, wir warten jetzt mal ab, was da Sache ist. Ich argumentierte: Wir müssen sofort damit raus, mit dem Stand, den wir jetzt haben.
Da wussten wir noch nicht, ob es eine Kofferbombe, eine Attrappe oder ein vollkommener Fehlalarm war. So haben wir das online erst mal gebracht - und hatten innerhalb von einer Stunde mehr als 2.000 Klicks. Nicht schlecht. Mit weiteren Erkenntnissen haben wir die Geschichte dann immer weiter angereichert und aktualisiert - die Klickzahlen blieben hoch. Am Ende hat es sich herausgestellt, dass es wirklich nur eine Attrappe war. Doch schließlich hatten wir fast 10.000 Klicks. Die Leser unserer Seite wurden fortlaufend informiert. Die gedruckte Zeitung brachte am nächsten Tag eine kleine Meldung. Bei uns war es spannend, die Leute waren mit einem Kribbeln dabei. Sie wussten: Hier tut sich was, hier kriegen wir alle Informationen. Das macht übrigens auch uns Spaß, ständig am Ball zu bleiben.
Aktualität ist das, was vor allem zählt?
Ja, in erster Linie Aktualität und spannende Nachrichten. Hintergrundberichte, Analysen, Porträts, Reportagen - das kann ich besser im Printprodukt lesen. Da habe ich mehr Zeit. Da lehne ich mich am Frühstückstisch zurück - und lese die Zeitung. Darauf kann ich mich dann ganz einlassen.
Am Computer aber, am Laptop oder auf dem iPhone, da zählt die harte Nachricht. Die muss bereits in der Überschrift mit Reizworten transportiert werden. Das muss knallhart auf den Punkt gebracht sein! So ziehe ich die Leute dann in den Text rein. Am besten noch mit einem gut geschriebenen Teaser - Vorspann würde man im Printbereich sagen.
Bild und Überschrift bilden in der gedruckten Zeitung eine stärkere Symbiose – online kommt es noch stärker auf die Überschrift an. Feuilleton-Überschriften gehen gar nicht, so wie ich sie hier gerade lese (Andre Dolle deutet auf die „Süddeutsche“, die vor ihm liegt): “Süßwasserfische vom Fuße des Schwarzwalds” – eine kryptische Überschrift im Sportteil der Zeitung. Da geht es um eine Fußballschule beim FC Freiburg und um die Abwerbung von hoffnungsvollen Nachwuchsleuten. Wie gesagt, ich lese so etwas total gern - aber online geht das gar nicht. Da muss eine Nachricht stehen: Freiburg zittert um seine Talente!
Online-Journalismus geht also richtig ran, wenn Print beim falschen Bombenalarm nur eine kleine Meldung macht.
Ja, das lebt dann den ganzen Tag über davon. Dann schalten wir noch eine Fotogalerie oder ein Video, wenn die Kampfmittel-Spürhunde im Einsatz sind, der Platz abgesperrt ist und der Bahnhof geräumt wird. Wir sind für unsere User live dabei, lassen sie die Auftregung spüren und versuchen, die Atmosphäre rüberzubringen. Natürlich geschieht das alles immer nach unseren journalistischen Grundsätzen und Qualitätsprinzipien.
Web 2.0 und Online sind also viel direkter, als es die gedruckte Zeitung sein kann. Kann die Aktualität sogar minütlich getaktet werden?
Ja, bei besonderen Anlässen geht auch das. Als wir in unserer Stadt und anschließend in der Nachbarstadt eine große Neonazi-Demonstration parallel zu einem internationalen Kulturfest hatten, da hat unsere Online-Redaktion gemeinsam mit den Reportern und Kollegen aus zwei Print-Lokalredaktionen einen Live-Ticker angeboten. Von allen Brennpunkten wurden wir ständig per Handy über die aktuelle Lage informiert. Alle fünf bis zehn Minuten haben wir das reingestellt. Das brachte uns am Ende des Tages mehr als 50 000 Klicks ein. So muss Online sein. Und am nächsten Tag haben die Print-Kollegen ein “Best of” des Live-Tickers im Blatt gebracht.
Also eigentlich ist Online so, wie wir uns Print idealerweise immer vorgestellt haben?
Ja, als Bürgerzeitung suchen wir natürlich den direkten Draht zu den Leuten, und das verstehe ich auch unter Web 2.0. Da ist Online-Journalismus eben direkter und schneller in der Ansprache. Und es gibt eben auch das unmittelbare Feedback des Lesers. Das ist Journalismus auf Augenhöhe mit dem Leser, nicht von oben herab. Der Umgangston ist rauer! Wir nutzen Facebook, wir haben demnächst Kommentarfunktionen. Das ist natürlich kein Einbahnstraßen-Journalismus; das ist auch für uns sehr ergiebig. Der Leser ist nicht nur Konsument, er will mitmischen. Es ist eine Win-Win-Situation: Die Leute werden informiert und können selbst Input geben. Für uns bringt das auch echte neue Recherche-Ansätze für eigene Geschichten.
Schildere doch bitte einmal in groben Zügen Deinen Tagesablauf und den Ablauf einer normalen Online-Schicht.
Um 7 Uhr beginnt der Frühdienst. Der erste Anruf ist dann beim Lagezentrum der Polizei. Die haben den Überblick über unser gesamtes Verbreitungsgebiet und wissen, was in der Nacht geschehen ist, Unfälle oder ein schwerer Brand zum Beispiel. Dann sind wir erst mal informiert, können alles in die Wege leiten, eventuell Fotografen oder Reporter rausschicken. Als nächstes schauen wir die Ticker-Meldungen und die Nachrichten unserer Lokalredaktionen durch, die am Abend eigens für Online produziert wurden. Wir schreiben und recherchieren auch selbst in der Online-Redaktion, versuchen da immer, eine zeitlose Geschichte auf Lager zu haben, falls einmal nichts passieren sollte.
Der Mitteldienst kommt um 10 Uhr. Er ist freigehalten für Recherche und eigene Beiträge – natürlich nur, falls das Aktuelle es zulässt. Wir haben permanent alle Nachrichtenquellen im Blick. Wir bedienen Twitter und Facebook. Social Media nutzen wir auch, um den Traffic für unsere Seite zu erhöhen, also mehr Abrufe unserer Internetseiten zu generieren. Wir stellen Artikel ein und moderieren sie kurz an - und generieren damit den Dialog mit den Lesern. Wir suchen ständig Themen, die kesseln und brisant sind. Immer gut gehen Themen wie notorische Unfallschwerpunkte oder aktuelle Entwicklungen bei den hiesigen Fußball-Bundesligaklubs.
Schließlich geht es über in den Spätdienst. Der Spätdienst fängt um 14 Uhr an - und geht mindestens bis 23 Uhr. Zunächst wird man von den Kollegen ins Bild gesetzt, was bislang alles läuft, wo Aktualisierungen anliegen, welche Ansprechpartner wir für die Top-Storys haben, was noch aus den Print-Redaktionen zu erwarten ist. Dann liest man sich natürlich selbst bei den Agenturen ein, schaut bei Facebook nach. Wir sitzen mit den Print-Kollegen zusammen am Newsdesk, stimmen uns mit ihnen ab, wenn dort etwas Aktuelles reinkommt. Besonderen Ehrgeiz haben wir, Veranstaltungen vom Abend sofort auf die Seite zu bekommen. Und dann wird eben bis 23 Uhr ständig die Seite aktualisiert, da gibt es kein Nachlassen.
Und die eigenen Recherchen?
Wir schreiben auf die Schnelle Polizeimeldungen um, reichern diese an. Außerdem schreiben wir eigene Stücke, die wir dann bei Bedarf einstreuen können. So habe ich jetzt zum Beispiel eine Geschichte über die Klick-Zahlen auf den offiziellen Internetseiten der Bundesliga-Klubs recherchiert und geschrieben. Unsere beiden Profiklubs Wolfsburg und Braunschweig sehen da in der Beliebtheit ganz gut aus. Den Text hatte ich am Abend zuvor formuliert.
Was sind die Kriterien für eine Top-Story?
Ich will mal es mal so sagen: “Sex and Crime” läuft immer. Das gilt online wie für den Boulevardjournalismus. Auch die sogenannten “Blaulicht-Geschichten” laufen immer gut: Polizei, Feuerwehr, Unfälle, Einsätze. Ein Beispiel: Wenn es hier auf der Autobahn 2 einen Unfall-Toten gibt und wir ihn in der Überschrift haben, dann schnellen sofort die Klicks in die Höhe. Jede Geschichte, die einen harten Nachrichtenwert hat, läuft gut.
Es gibt einen Spruch, der heißt “Quick and dirty” …
Den finden wir eigentlich nicht so toll. Das drückt immer noch ein Vorurteil aus, das viele Print-Journalisten gegenüber Online-Journalismus hegen. Der Vorwurf lautet dann, dass die Qualität leidet. Aber in den Online-Redaktionen haben wir viele ausgebildete Print-Redakteure, wie ich es bin - und diese Arbeitsweise und diesen Qualitätsanspruch, wie wir es gelernt haben und leben, versuche ich zu übernehmen!
Ich finde den Spruch viel besser, den der auch für Online zuständige Sport-Chef der FAZ geprägt hat: “Online - das ist permanent eine halbe Stunde vor Andruck!” Das ist eine treffende Aussage. Trotzdem muss die Sorgfaltspflicht eingehalten werden. Wir stehen unter unserem Zeitungstitel! Da erwartet der Leser Qualität - und dieser Erwartung wollen wir weiterhin entsprechen. Das gilt auch unter dem gegebenen Zeitdruck und mit der gegebenen Aktualität. Das müssen wir erfüllen, diesen Spagat müssen wir schaffen. Ganz klar: Der Pressekodex gilt auch für Online-Redakteure.
Dann gibt es einen weiteren Spruch, der heißt “Online first” …
Der ist schon besser. Er drückt unsere absolute Aktualität aus, die immer vorgeht. Anders können wir nicht arbeiten.
Ist das nicht nur ein frommer Wunsch?
Nein, bei unserer Zeitung sind wir schon so weit. Wir bringen die Sachen in dem Moment, in dem sie da sind. So muss es auch sein. Denn ein Online-Medium, das nicht aktuell ist, das ist überflüssig.
Es gibt aber doch auch eine Mentalität der Print-Journalisten, die etwas für sich hat. Sie lautet ungefähr so: Lass uns noch einmal nachdenken, es könnte auch ganz anders sein. Welche Konsequenzen hat es für unseren Beruf, dass wir das jetzt ablegen müssen?
Natürlich muss man drüber nachdenken, wie man einen Artikel angeht. Das ist doch bei jeder Geschichte so. Online muss zum Beispiel auch immer einen Mehrwert haben. Also, wenn es sich anbietet, zum Beispiel multimedial sein. Eine Klickstrecke, eine Fotogalerie, vielleicht ein Video - und das alles möglichst schnell. Man muss, und das ist die Antwort, Dinge noch schneller einschätzen können als im Printjournalismus. Man muss noch schneller entscheiden, ob es ein Thema ist - und ob man und wie man es „spielt“.
Und wenn man sich irrt?
Das einzige, was falsch laufen kann, ist, dass der Artikel nicht gut angenommen wird. Das sehen wir an den Klickzahlen. Und wenn er nicht läuft, dann nehmen wir ihn halt wieder raus. Mehr kann uns nicht passieren.
Aber wenn man auf eine falsche Fährte gesetzt wurde, sich geirrt hat oder ein Fehler passiert ist?
Das kann in der gedruckten Zeitung doch genauso passieren! Die Sorgfaltspflicht ist genauso gegeben. Wenn wir einen Fehler gemacht haben, dann korrigieren wir ihn. Das geht übrigens auch viel schneller als im Print. Wir haben einen viel direkteren, unmittelbaren Kontakt mit den Leuten und können sofort reagieren. Fünf Minuten später ist alles wieder richtig.
Das haben wir Print-Redakteure uns doch eigentlich immer gewünscht, wenn unser Fehler am nächsten Tag irreversibel in der Zeitung stand.
Ja, das direkte Feedback, das hat man sofort. Keiner macht deswegen leichter, schneller oder öfter Fehler. Aber so, wie wir viel aktueller sind, haben wir eben auch die Möglichkeit, Fehler oder Missverständnisse sofort zu beheben.
Was hältst Du davon, dass investigative Journalisten wie Hans Leyendecker von der “Süddeutschen” frühmorgens eine Online-Version ihrer Geschichte ins Netz stellen, um sie tagsüber abzuklopfen, die Reaktionen abzuwarten, weiterzurecherchieren - und die Geschichte dann “rund” am darauffolgenden Tag im gedruckten Blatt zu bringen?
Das halte ich einerseits für vollkommen legitim; andererseits ist der Online-Journalismus natürlich nicht nur eine Spielwiese. Aber eigentlich haben wir hier eine echte Win-Win-Situation. Die Aktualität ist da, denn der Kollege hat seinen Online-Kollegen die Geschichte als erstes angeboten. Online first! Die Schnittstellen zu Print sind überdies sehr gering. Der Chef von “sueddeutsche.de” sagt zum Beispiel: “Nur sieben Prozent der Print-Leser lesen uns auch online.” Das heißt, dass man mit solchen Strategien, zu denen ein Hans Leyendecker greift, der gedruckten Zeitung nicht wehtut. Online gewinnt! Und durch die “Testphase” gewinnt am Ende vielleicht auch Print.
Kann man denn online auch eine lange Reportage schreiben?
Das geht nur bei wenigen überregionalen Portalen, zum Beispiel bei „Spiegel online“ oder „süddeutsche.de“. Da gibt es auch ein anderes Zielpublikum. Bei uns wollen die Leser harte Nachrichten aus der Region! Das sind keine langen Stücke, keine Hintergrundberichte, Analysen oder Porträts. Reportagen laufen meistens schlecht. Das lesen die Leute immer noch lieber in der gedruckten Zeitung.
Und Interviews?
Interviews gehen bei uns schon eher. Vor allem dann, wenn eine fesselnde Überschrift gelingt.
Wie steht es mit Glossen und Kommentaren?
Wenn das Thema, um das es geht, wirklich drängt, dann laufen sie gut.
Das entscheidende Stichwort für Euren Mehrwert, von dem Du sprichst, heißt Crossmedia. Was ist darunter zu verstehen?
Es ist die Kombination von Texten, Bildern, Videos, Podcasts, etc. Ständig müssen wir justieren und entscheiden, was wir je nach Geschichte wie einsetzen können. Wir arbeiten mit eigenen Texten und mit denen der Print-Kollegen, oft müssen wir sie auch umschreiben, wir setzen Fotografen für Fotogalerien und professionelle Videofilmer für Video-Beiträge ein, wir schalten Live-Ticker und sind bei Facebook unterwegs. Es ist tatsächlich immer der Mehrwert, den wir für unsere Nutzer im Blick haben. Bei uns bekommt der Nutzer mehr als woanders.
Was werde ich denn eigentlich, wenn ich heute Journalist werde?
Also, wenn ich Online-Journalist werde, dann muss ich natürlich technik-affin sein. Ich kann jedoch auch nicht die berühmte eierlegende Wollmilchsau sein – alles auf einmal geht nicht. Darunter leidet die Qualität. Es gibt nach wie vor eine klare Trennung zwischen Print-Journalismus, Online-Journalismus, Multimedia- und Video-Produzenten. Der Online-Redakteur muss vor allem auch ein guter Schreiber und ein guter Rechercheur sein! Das geht gar nicht anders. Er muss Themen einschätzen können - und welchen Technikeinsatz man dazu braucht. Es ist eine Denkweise nicht nur für den Text, sondern auch für das Visuelle.
In diesem Buch kann man viel darüber lernen, wie man an Texte herangeht, wie man sich Themen sucht, wie man sie präsentiert und Fehler vermeidet. Was empfiehlst Du Leuten, die heute Journalist werden möchten?
Print-Journalismus ist immer noch die Grundlage, die beste Schule. Der Online-Journalismus ist so schnelllebig, dass man sich dort erst mal zurechtfinden muss. Hierfür braucht man eine gesicherte Basis beim Schreiben, Recherchieren, bei der Themenauswahl und Themenbewertung. Alles, was einen guten Journalisten auszeichnet, zeichnet auch einen Online-Journalisten aus. Allerdings muss auch klar sein, dass wir dort anders arbeiten und schreiben – schneller, direkter, zupackender.
Über die Print-Tugenden werde ich ein guter Online-Journalist?
So kann man das sagen. Daran führt kein Weg vorbei. Für mich gibt es nicht die Frage, was besser ist: Print- oder Online-Journalismus. Für mich gibt es nur die Frage nach gutem oder schlechtem Journalismus. Es ist egal, auf welchem Kanal er gespielt wird. Die Alternative heißt für mich auch nicht: Print oder Online. In Zukunft geht nur beides gemeinsam, Hand in Hand - und in hoher Qualität.
Das Bild oben zeigt Andre Dolle. Foto: Florian Kleinschmidt













