Facebook - Was tun wir hier?
Das größte Experiment der Welt - eine Obsession
Meine Ex wünscht mir "Guten Morgen", meine Frau stellt Ihren neuen Freund ins Netz, mein Chef kritisiert mich vor versammelter Welt-Öffentlichkeit, meine Kinder lehnen meine Freundschaft ab, mein Nachbar lässt mich jeden Tag in seinen Kochtopf gucken, meine Schüler posten mir Dates, Liebeskummer und Schlafmangel, meine Kollegin täglich ihr Horoskop, meine lieben Leser ihre Hunde, Katzen, Träume und Ängste - und ich? Ich steigere meine Auflage - auf jetzt mehr als 3000 Site-Views meines Blogs bei Posterous. Seit April.
Bin ich wahnsinnig, habe ich ein Rad ab? Ich kann eine halbe Million Leser haben, und ich habe sie auch - jeden Tag in der "Braunschweiger Zeitung". Auflage mal zwei bis drei gleich Reichweite. Doch ich jage auch meine persönliche Reichweite: Wenn ich besonders offen bin, liegt sie höher. Also bin ich offen. Ich bin ein Quoten-Jäger bei Facebook. Je mehr Freunde ich habe, desto mehr klicken sie meinen Blog an. Also sammele ich sie. Je süffiger die Anriss-Zeilen, desto besser ist die Quote. Das ist Boulevard-Journalismus im sozialen Netzwerk. Beste Quoten hatte ich beim "Krieg der Spermien". Jugend- und Frauen-Fußball läuft leider nicht ganz so gut.
Vor kurzem hatte ich mich noch über derlei lustig gemacht, vor allem über Twitter. Ich gab der geschätzten Kollegin Seibel ein Interview und ätzte über die armen Gesellen, die noch eine letzte Wasserstandsmeldung aus dem Keller funken: " ... verdammt, kein Netz ..." Mittlerweile bin ich selber so. Aus Weißrussland rettete ich morgens um halb vier die stärkste Geschichte meines Lebens kurz vorm Akku-Totalversagen und blies sie mit letzter Energie hinaus in die Welt. Als ich in der Kemenate des Minsker Johannes-Rau-Hauses nach nur drei Stunden komatösen Schlafes zu mir kam und die eingehenden Gefällt-mir-Buttons quittierte, huschte ein erlöstes Lächeln über mein Gesicht.
Was passiert da gerade mit uns? Fest steht, dass Facebook eine klassische Variante des Journalismus ist, denn dort treffen sich gute Schreiber, spannende Geschichtenerzähler und Bilder-Erfinder, Selbstdarsteller, Entertainer, Unterhalter, Lotsen, Lackaffen und Langweiler. Falls einmal die Zeitung nicht mehr gedruckt werden sollte, wovon ich nicht ausgehe, aber womit gerechnet werden muss, klaube ich mir meine Leser bei Facebook zusammen. Ich mache ihnen ein gutes Angebot. Ich bin der Beste.
Vielleicht ist das meinen Lesern dereinst 30 Cent pro Post wert. Das wären bei 3000 Lesern seit April - 30 Posts mal 100 Leser, wenn es hochkommt - also immerhin 900 Euro. Davon, mit Verlaub, kann man nicht leben. Also 60 Cent - so viel wie für eine "Bild". Da muss man aber schon was bieten. Es heißt, dass sich in Amerika bereits viele Journalisten so durchschlagen - früher heimsten sie Pulitzer-Preise ein. Auch künftig ist das nicht ausgeschlossen, denn für 30 oder 60 Cent kann man durchaus Qualität liefern und bekommen. Und bei 30 000 Klicks sieht die Sache schon ganz anders aus.
Da ist also noch Luft nach oben. Was wir hier in den Blick nehmen, ist nichts anderes als das Ende der Ausbeutung und entfremdeten Arbeit des Menschen im Kapitalismus. Bislang war und bin ich nach der klassischen Lehre von Marx und Engels ein doppelt freier Lohnarbeiter. Einerseits also frei von Produktionsmitteln, denn ich besitze keine Druckereien und Papierfabriken. Und anderseits ebenso frei, meine Arbeitskraft den Kapitalisten auf dem Journalisten-Markt anzubieten und dafür einen ordentlichen Preis zu erzielen. Allerdings nicht ganz, denn ich bekomme nach der reinen Lehre nicht alles, was mit zusteht. Schließlich presst der Kapitalismus aus mir den Mehrwert heraus wie aus einer leeren Zitrone, woran er eines Tages zugrunde gehen wird.
Die Weltrevolution wird nun freilich nicht von elenden, hohläugigen Journalisten auf den Barrikaden gemacht, sondern sie tritt dem Klassenfeind paradoxerweise in Form eines kleinen blauen f entgegen - oder aber mit jenem grünen "Publish"-Button beim Micro-Blog posterous, den mein heutiges Foto zeigt und dem ich meine Höhenflüge hier verdanke. Dieser grüne Knopf ist mein Maschinenpark und erlöst mich aus fremdbestimmer Sklavenarbeit. Ich brauche keine Chefs und andere Agenten des Kapitalismus mehr. Ich schufte jetzt im Akkord für eine kleine Start-up-Firma im Silicon Valley und für Zuckerberg. Aber frei.
Diesem Experiment unterziehe ich mich ebenso freiwillig wie meine Ex, meine Frau, mein Chef, meine Kinder, mein Nachbar, meine Schüler, meine Kollegin und meine lieben Leser. Machen wir nur so weiter! Ich auch. Wir haben viel Spaß, aber wir geben auch viel Wertvolles - unsere Zeit und unser Privates. Wir öffnen uns - mehr als Menschen sich vermutlich jemals in der Weltgeschichte geöffnet und offenbart haben. In diesem Experiment liegt viel Vertrauen. Es ist eine globale Obsession, die Regime stürzen kann, Dummköpfe und Diktaturen verdorren lässt. Die Belastungsprobe der neuen Freiheit aber steht noch aus. Nutzen wir sie, so lange es uns noch richtig Spaß macht.
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